Reiner Kunze
Warum sind Löwenzahnblüten gelb?

Warum sind Löwenzahnblüten gelb?
Das weiß jedes Kind.
Weil Löwenzahnblüten
Briefkästen sind.

Wer hat die Briefkästen aufgestellt?
Die grasgrüne Wiese.
Sie steckt in die Briefkästen
all ihre Grüße.

Wem werden die Grüße zugestellt?
Das weiß jedes Kind.
Briefträger sind
Biene und Wind.

 

 

Die weisen Wiesen wissen wohl, warum sie uns im Frühjahr, in der Zeit, wenn unsere Emotionen zuweilen überschäumen - im Guten wie im Bösen - so sonnige Grüße schicken. Und wenn man Rasen nicht nur unter Nutzaspekten sieht, wenn man die Natur überhaupt noch wahrnimmt, muss man diesen Anblick einfach schön finden.

Wolfgang Borchert zeigt die Seelen heilende Wirkung des Anschauens von Löwenzahn in seiner Geschichte "Die Hundeblume": Der verbitterte Gefangene Nummer 432 lässt seine Wut beim täglichen Hofgang an seinem Vordermann im Kreis aus, dessen Gesicht er nie zu sehen bekommt. Irgendwann bemerkt er in seinem grauen Alltag eine blühende Hundeblume, um die sich fortan seine Gedanken drehen und die er besitzen möchte. So versucht er die Runde näher an die Blume heranzubringen. Erst nach vielen Tagen, sein Vordermann ist inzwischen sterbend zusammen gebrochen, gelingt es ihm, den Löwenzahn zu pflücken. In seiner Zelle überwältigt ihn der Anblick und erfüllt ihn mit Güte. Er wünscht, sich so wie diese kleine Sonne werden. Und er träumt schließlich, dass er mit Erde überhäuft wird, er zu Erde wird und aus ihm Blumen wachsen.

 

 

Der bittere Löwenzahn hilft gegen Wut und Verbitterung. Sogar unter widrigen Bedingungen - zwischen Pflastersteinen oder durch den Asphalt - vermag er sich ans Licht "zu beißen", seine Blattrosette mit ihren Blüten zu entfalten und dabei tief im Boden zu wurzeln.

So wie er - nachdem er verblüht ist - eine Art zweite "Knospe" bildet, die sich zu einer weißen Flaumkugel aus Samenständen "aufblüht", deren Schirmchen beim leichtesten Hauch des Windes in die Höhe und Weite fliegen, sollten wir - nachdem eine "Sonne" in uns verlischt - zu einer neuen Existenzform bereit sein, die uns vielleicht unserem "Himmel" sogar näher bringt. Dieser Korbblütler zeigt auch in Gestalt der zu zwei Spiralen gerollten zahlreichen kleinen Samenständen seine zwiefache Natur.


 

Die aus dem Griechischen stammende Bezeichnung "Taraxacum" bedeutet "ich heile Entzündungen". Und gutmütige "Kuhblume" lindert eben nicht nur Entzündungen des Körpers, auch die unseres kleinen Geistes und unserer Seele. Ihre Bitterstoffe beeinflussen - wie das Bittere, Giftige im Leben - unsere Leber, nur eben heilend. Sie fördern die Ausscheidung der Gallenflüssigkeit, und damit die Ausscheidung unserer Gifte, unserer Bitternis, die zu Konflikten führen, die sich auch körperlich "entzünden" können. So hilft der "Wiesenlattich" bei Störungen des Gallenflusses, steigert die Magensaftausscheidung, regt den Stoffwechsel an und wirkt auch krampflösend. Wer an einer Entzündung der Gallenwege oder Gallensteinen leidet, sollte trotzdem Rücksprache mit einem Therapeuten suchen, damit sich überschießende Reaktionen nicht nachteilig auswirken. Durch die Ausscheidung alter Schlacken hat der Löwenzahn eine blutreinigende Wirkung und eignet besonders in der Hochzeit der Leber zu einer Frühjahrskur.

Da diese Organenergie - wie die chinesische Medizin weiß - Muskeln und Sehnen "regiert", verwundert es nicht, wenn Löwenzahn auch bei Schmerzen in diesen verwendet wird.

Der in der Pfahlwurzel der "Ackerzichorie" enthaltene Ballaststoff Inulin regt die Verdauung an und wirkt positiv auf Blutzucker- und Blutfette, was nicht nur Diabetiker interessieren sollte. Bis bis zu einem Meter reicht diese Pflanze in die Tiefe, kein Wunder, dass sich in Versuchen eine leistungssteigernde und erschöpfungswidrige Wirkung des Extraktes aus ihr zeigten. Aus dieser Kraft rührt auch die nachgewiesen hemmende Wirkung auf Wachstum und Invasivität von Prostata- und Brustkrebszellen sowie Leber- und Pankreaskarzinomzellen und auch bei Leukämie.

Die Signatur durch die gelbe Farbe und die röhrenförmigen Stängel führte zur traditionellen Verwendung des "Bettseecher" bzw. der "Pissnelke" bei Harnwegsinfekten oder zur Vorbeugung von Nierensteinen sowie bei Erkrankungen, bei denen ein verbesserter Harnfluss gewünscht ist, wie bei Gicht oder Rheuma. Diese Wirkung wird heute durch das reichlich enthaltene Kalium erklärt.

Neuere Forschungen zeigen, dass Löwenzahn die Rückfettung der Haut fördert und so Beschwerden durch zu trockene Haut wie Spannungsgefühl und Juckreiz lindert. Zu häufiger Kontakt mit der "Milch" des "Millichstöck" / "Mellichstöck" kann einerseits zu Kontaktdermatitis führen, andererseits gegen Warzen und Hühneraugen helfen. Dieser Saft, an dem man sich so leicht die Hände befleckt, hat auch einen dunklen Fleck in der Geschichte hinterlassen: Im Konzentrationslager Auschwitz wurde 1942 eine Forschungsstation für Pflanzenkautschuk eingerichtet, in der 150 bis 250 Zwangsarbeiter eingesetzt wurden. Seit ein paar Jahren laufen erneut Versuchsreihen zur Erzeugung von Gummi aus der "Milchblueme".

Die "Butterblume" ist aber auch eine gute Bienenweide. Über 100.000 Löwenzahnblütenbesuche sind für ein Kilogramm echten Löwenzahn-Honigs erforderlich.


 

Löwenzahngelee

Ungefähr 150 bis 200 g morgens bis mittags gepflückten Löwenzahnblüten werden in einem reichlichen Liter Wasser 5 Minuten gekocht. Danach lässt man sie einen ganzen Tag ausziehen. Die abgeseihte Flüssigkeit versetzt man mit dem Saft von mindestens einer der Zitrone und einem Kilogramm Gelierzucker. Nach etwa 4 bis 5 Minuten sprudelndem Kochens in Gläser abfüllen.

 

Löwenzahn-Salat

Junge, zarte Löwenzahnblätter von möglichst noch nicht blühenden Pflanzen zerrupfen; geschnittene Zwiebeln, Pfeffer, Salz, Öl dazugeben. Besser schmeckt es wenn Eierscheiben oder Fetawürfel hinzugeben werden. Noch besser, wenn noch andere "Unkräuter" hinein kommen wie Giersch oder Vogelmiere.

Natürlich kann man die leicht bitteren Löwenzahnblättchen auch als Würze in andere Salate geben.

 

Löwenzahn-Wein

 

Einen Eimer frische Löwenzahnblüten mit einem Eimer kochendes Wasser übergießen und drei Tage stehen lassen. Nun 1,5 bis 2 kg Zucker, ein Stückchen Ingwer, die Schalen einer Orange und einer Zitrone dazugeben. Das Ganze eine halbe Stunde kochen lassen. Nach dem Abkühlen Weinhefe zugeben und in ein offenes Mostfass oder einen Gärballon gießen. Nach zwei Gärtagen „verschließen“ und nach zwei Monaten in Flaschen abfüllen.

 

 

Josef Weinheber
Löwenzahn

Keine Vase will dich. Keine
Liebe wird durch dich erhellt.
Aber deines Samens reine
Weiße Kugel träumt wie eine
Wolke, wie der Keim der Welt.

Lächle! Fühl dich gut gedeutet!
Blüh! So wird aus Schweigen Huld.
Bittre Milch und Flaum, der gleitet:
O, nicht Hass - den Himmel weitet
Weisheit, Stillesein. Geduld.

Wärst du auf der Höh geboren,
Ferne, selten, früh empor:
Teilnahmslosem Gang der Horen
Blühtest ruhmvoll, unverloren
Groß, dein Wunder vor.

 

 

Bild Entwicklungsphasen: Joe MiGo; https://de.wikipedia.org/wiki/Gew%C3%B6hnlicher_L%C3%B6wenzahn#/media/File:Loewenzahn_Taraxacum_officinale.jpg