„Vielen Menschen fällt es schwer,
in Pflanzen das Göttliche zu erkennen.
Die heidnischen Zeiten,
in denen die Tempel unserer keltisch-germanischen Ahnen noch heilige Haine,
die Götter Bäume und die Göttinnen Blüten waren,
haben die meisten von uns vergessen.
Dieser ´übersinnliche Plunder´ hat in einer naturwissenschaftlichen Weltsicht keinen Platz."

Christian Rätsch

 

Ein Flyer der sächsischen Verbraucherministerin Christine Clauß (CDU), der im Frühsommer 2014 an viele hiesige Haushalte verteilt wurde, und die Informationen auf der zugehörigen Internetseite (http://www.gesunde.sachsen.de/ambrosia.html) haben mich bewogen, ein paar Worte für eine Pflanze einzulegen, auch wenn sie bei uns nicht als heilend gilt: für die viel gescholtene "Ambrosia".

Es ist sicher so, dass die Pollen der Ambrosia ein sehr hohes allergisches Potenzial haben: Sie können Schnupfen, Bindehautentzündung, allergische Hautreaktionen oder sogar Asthma auslösen – auch bei Menschen, die bei anderen Pflanzen nicht derart reagieren. Grund dürfte die geringe Größe der Pollen sein: nur 16 bis 22 Mikrometer groß, können sie tief in Atemwege eindringen. Auch Kreuzallergien mit beispielsweise Banane, Melone, Tomate, Gurke, Kürbis, Basilikum sind möglich.

Im Osten der USA, wo das "Fetzenkraut" (englisch: Ragweed) ursprünglich beheimatet ist, gelten die Ambrosiapollen als Allergen Nummer eins: Angeblich haben zehn bis zwanzig Prozent der dort lebenden Menschen mit ihnen Probleme. In der Schweiz steht die "Aufrechte Ambrosie" auf der schwarzen Liste der unerwünschten Arten an erster Stelle - erstellt wird diese von der Schweizerischen Kommission für die "Erhaltung von Wildpflanzen". Dort, in Italien und Ungarn ist jeder Bürger gesetzlich verpflichtet, gesichtete Exemplare zu melden und zu vernichten, Zuwiderhandlungen können mit Geldstrafen belegt werden. In Bayern gibt es ein "Aktionsprogramm Ambrosiabekämpfung", das Informationen verbreitet und Bekämpfungsmaßnahmen vorschlägt. In Berlin mussten seit Sommer 2008 Ein-Euro-Jobber die Stadt durchstreifen, um die "gefährliche" Pflanze auszumerzen.

Doch das Beifußblättrige Traubenkraut (Ambrosia artemisiifolia) ist wie die anderen Traubenkräuter nicht auszurotten, scheinbar "unsterblich", daher auch der Gattungsname der über 40 Arten: "Ambrosia". Drei davon sind fast weltweit Neophyten, also Pflanzen, die erst seit 1492 (Entdeckung Amerikas durch Kolumbus) eingeschleppt wurden bzw. eingewandert sind. Eine einzelne Pflanze kann bis zu 15 000 Samen - manche sprechen auch von bis zu 60 000 - produzieren. Diese bleiben mehrere Jahrzehnte keimfähig.

Der Betreiber der Informationsseite www.ambrosia.de, der das Überwachen und Bekämpfen der Pflanze für sinnvoll erachtet, hält die unkontrollierte Ausbreitung und Verdrängung einheimischer Arten durch dieses Kraut trotzdem nicht für wahrscheinlich. Es wächst am liebsten auf kargen Böden, wo kaum andere Pflanzen gedeihen, zudem bevorzugt es lange warme Sommer mit viel Feuchtigkeit. Seine Theorie: „Wo die einheimische Vegetation intakt ist, setzt sich Ambrosia nicht durch. Eher wird sie von Löwenzahn, Klee und Gräsern verdrängt, als anders herum", denn die Samen benötigen zum Keimen viel Licht, das bei geschlossener Vegetationsdecke nicht vorhanden sei. Während eines Experiments in den USA hat sich wucherndes Ambrosia nach wenigen Jahren sogar selbst erstickt, da die Überreste abgestorbener Pflanzen das weitere Keimen verhinderten.

Auch auf der Internetseite der sächsischen Aktion heißt es: "Eine Gefährdung der Biodiversität [Artenvielfalt] durch Ambrosia ist in Sachsen bislang zwar noch nicht beobachtet worden, nach Einschätzung des Bundesamtes für Naturschutz, allerdings nicht generell auszuschließen."

In Deutschland wurde die Ambrosia seit ca. 1860 nachgewiesen, in Sachsen seit 1899.

Bisher ist keine einzige einheimische Art durch Neophyten zum Aussterben gebracht worden, denn diese können nur wachsen, wo sie die geeigneten Bedingungen vorfinden – zumeist auf verfestigten oder versalzten Böden, in verlassenen Tagebauen, an Bahngleisen, auf Bauland, wo massive Erdbewegungen stattgefunden haben … Bedingungen wie im amerikanischen Westen oder den mittelasiatischen Halbwüsten.

Bedrohen nicht eher industrielle Agrarmethoden, Monokulturen und massiver Einsatz von Herbiziden und Insektiziden die einheimische Flora? Sind gentechnisch veränderte Pflanzen nicht eine größere Gefährdung?

Die Hauptkosten, die Neophyten angeblich verursachen, entfallen auf Bekämpfungs- und Propagandamaßnahmen.

Bei einer Studie in Sachsen hätten weniger als fünf Prozent der Untersuchten auf die Pollen des Beifußblättrigen Traubenkrauts reagiert, berichtet die Allergologin Regina Treudler – so zumindest die Aussage von 2008. "Wir denken, dass Ragweed derzeit eine geringe klinische Bedeutung hat", allerdings könne auch die Zahl der Allergiker steigen, wenn sich Ambrosia ausbreite. (Urte Paul; http://lexi-online.de/themen/gesundheit/allergien/viel_laerm_um_; 10.09.2008)

Noch nie habe ich einen Flyer zur Aufklärung wegen anderer allergiefördernder Substanzen z.B. in Autoabgasen, in bestimmten Haushaltschemikalien oder gefärbten Produkten erhalten.

Und wenn die "Dresdner Neuesten Nachrichten" vom 17.06.2014 den Start der Kampange mit den Worten "Das Übel mit der Wurzel ausreißen" betiteln, frage ich mich, was denn die Wurzel des Übels "Allergie" ist: Der auslösende Pollen bzw. die Katzenhaare oder nicht eher die Übergiftung vieler Menschen in den modernen Industrieländern? Oder gar unterbewusste Muster von Ablehnung bzw. Aggression, die sich an Reaktionen auf äußere Symbole - die nur Auslöser sind - zeigen? Es war schon immer so, dass der Überbringer der schlechten Nachricht mehr Zorn auf sich zog, als deren Verursacher, aber ist das besonders klug?

Frühe Ärzte gaben Lebenselixieren und Schönheitsmitteln den Namen "Ambrosia". Vielleicht gilt doch das alte Sprichwort: "Nomen est Omen"? Vielleicht hat der Pflanzenkenner Linné den Ambrosiden diese Bezeichnung nicht nur wegen ihrer guten Resistenz gegeben?

Wolf-Dieter Storl schreibt in seinem Buch "Wandernde Pflanzen: Neophyten, die stillen Eroberer - Ethnobotanik, Heilkunde und Anwendungen" (siehe Buchtipps), dass eine Abkochung der Pflanze bei Darmblutungen helfe und dass die Indianer, obwohl die Ambrosia massiv in Nordamerika wächst, nicht an Heuschnupfen litten. "Die Verbreitung und Ansiedlung der eingeschleppten Arten sind letzten Endes ein natürliches Geschehen, eine Anpassung der Natur an bestehende Bedingungen. Die Anstrengung und der hohe Kostenaufwand, um gegen den Fluss der Dinge einen willkürlichen Idealzustand zu erhalten, verkennt das Wesen der Natur. Ob es nicht vielleicht dringendere Probleme in unserer Gesellschaft zu lösen gibt?"

Vielleicht wäre das Geld für derartige Kampagnen besser für die Erforschung der Heilwirkung dieser starken Pflanze angelegt? Oder geht es nur um neue Feindbilder – wozu auch immer?

(Merkmale von Feindbildern - Vielleicht noch mal zum Nachlesen aus aktuellem Anlass/ aktuellen Anlässen: http://www.whywar.at/feindbilder)

 

"Diese zugewanderten Pflanzen sind Kinder der Mutter Erde.
Sie verdienen unseren Respekt.
Die Natur ist weise,
weiser als unser beschränkter, berechnender Verstand."

Cheyenne-Medizinmann Tallbull

 

Bilder: http://commons.wikimedia.org/wiki/Ambrosia_artemisiifolia?uselang=de#mediaviewer/File:%EB%8F%BC%EC%A7%80%ED%92%80_%EA%B5%B0%EB%9D%BD_2.JPG