"Müsste man auf Erden eine einzige Pflanze stehen lassen,
für mich wäre es die Brennnessel."

 

Beginn der Dokumentation "Geheimnisvolle Pflanzen - Die Brennessel"

 

Heute sehen die meisten westlichen Menschen das "Feuerkraut" als eins der unangenehmsten Unkräuter, doch eigentlich ist es eine der ältesten Nutzpflanzen. Nesselstoff war einst nicht aus Baumwolle, sondern wirklich aus den stachligen heimischen Faserpflanzen. 1723 wurde die letzte deutsche Nesselmanufaktur geschlossen. Schade eigentlich, sollen sich doch diese Fasern außer durch hohe Reißfestigkeit - fester als Leinen -, Bauschfähigkeit, auch durch extrem gute Feuchtigkeitsaufnahme und edlen Glanz auszeichnen. Lange Zeit gehörte die Nessel auch zu den Färbekräutern. Mit ihr können Sie also Ihre Ostereier grün färben.

Die Brennwirkung stammt von ihren Haaren, die bei Berührung abbrechen und ihr Gift freisetzen. Der Gattungsname "Urtica" (vom lateinischen "urere" "brennen") stammt daher. Rheuma-, Gicht- und Ischiaskranke ließen sich früher mit der "Gichtrute" eben wegen dieser dem Bienengift verwandten Wirkung der enthaltenen Ameisensäure schlagen, um dadurch das Gewebe zur Entschlackung anzuregen. Aber auch Tees aus ihr helfen, stärken sie doch das Nieren-Blasen-System und regen es an, Giftstoffe aus dem Körper zu spülen. Dadurch kann sie Prostatabeschwerden lindern.

Die Brennhärchen sind durch die eingelagerte Kieselsäure spröde – ein Umstand, der sie neben der durchblutungsfördernden Wirkung zu einem guten Haarkräftigungsmittel macht – allerdings als äußerlicher und innerlicher Sud, nicht als Geißel.

Man peitschte mit dem "Teufelskraut" aber auch, damit Dämonen aus dem Leib fahren konnten. Glaubte man doch, dass die Nessel selbst in Beziehung zur Anderswelt stehe. Starb jemand, dann ging er in die Nesseln. Und manche Sage um diese Pflanze verweist auf Geisterhaftes. Am Johannistag gegessen, sollte sie vor Nixen- und Elfenzauber bewahren. Wuchs die "Donnernessel" am Haus, glaubte man, vor Blitzschlag geschützt zu sein. Angeblich konnte sie nur eine wahrhaftige Jungfrau anrühren, ohne sich zu verbrennen. Aber auch zum "Liebesgeißeln" wurde die Nessel benutzt, um den Geist der hoffnungslosen Liebe zu vertreiben.

Andererseits wurde sie als Aphrodisiakum verwendet, besonders ihre Samen, die die Signatur der Venus aufweisen. Und wirklich finden sich in ihnen hormonähnliche Substanzen, die nicht nur Libido, Potenz und Samenproduktion verstärken, auch stillende Mütter haben mehr Milch. Das mit Pfeilen bewehrte Kraut sollte "in Wein gesotten … zur Liebe feurig" machen, stärken Nesseln doch das Mars-Prinzip.

Kraft gibt dieses Kraut u.a. wegen des enthaltenen Eisens: Je nach Wuchsort zwei- bis viermal so viel wie in einem Rindersteak und bis zu dreimal so viel wie im Spinat. Es hilft also nicht nur zur Blutreinigung, auch zur Blutbildung und ist bei starker Menstruation genauso zu empfehlen wie bei Erschöpfungszuständen oder Frühjahrsmüdigkeit. Nachgewiesen ist, dass Brennesseln viel stärkere Wirkung auf das Immunsystem haben als der Sonnenhut. Paracelsus verordnete sie auch bei bei Galle- und Leberbeschwerden wie bei der Gelbsucht. Da sie die Kraft im kleinen Kreislauf des Verdauungssystems stärkt, kann sie auch bei Magenschwäche, Verstopfung oder Durchfall helfen und die Bauchspeicheldrüse stimulieren. In der traditionellen Medizin Marokkos wird sie zur "Verdünnung" des Blutes bei Hochdruck empfohlen.

Stärkend wirkt die "Große Brennnessel" auch auf Pflanzen. Die Brennnesseljauche stinkt zwar fürchterlich, ist aber seit vielen Jahrhunderten ein guter Dünger – sie ist schließlich eine Stickstoffzeigerpflanze – und ein natürliches Spritzmittel, das Schädlinge vertreiben und vor Pilzbefall schützen kann. In Frankreich wurde 2005 allerdings ein Gesetz erlassen, das die landwirtschaftliche Anwendung der Brennnesseljauche im nicht-privaten Bereich verbot und jede Verbreitung von Informationen über ihren Nutzen strafbar machte. Der Handel mit Brennnesseljauche wird genauso bestraft wie der mit harten Drogen. Sie können sich darüber – und wie man sie herstellt - in der Arte-Dokumentation informieren.

 

Der strenge Geruch der Jauche trug sicher auch dazu bei, dass die Brennnessel als Nahrungsmittel etliche Jahre regelrecht vergessen wurde oder als "Armenspeise" deklariert wurde. Und dass, obwohl sie in Kriegszeiten zum Überleben beitrug, denn neben Eisen enthält sie eine Menge Eiweiß, sechsmal so viel Calcium wie Kuhmilch, siebenmal so viel Vitamin C wie Orangen.

Doch mittlerweile ist sie als exklusives Wildkraut in der Sterne-Küche angekommen. Keine Angst, Brennnesselgerichte müssen nicht aufwändig sein, um zu schmecken, und die Brennhaare kann man durch Hitze oder den Druck des Nudelholzes besiegen.

 

Brennnesselsuppe

  • pro Teller eine Hand voll Brennnesselblätter - am besten nur die zarten obersten Blättchen
  • Zwiebelwürfel in Butterschmalz oder Butter anbraten
  • die gewaschenen Blättchen hineingeben und kurz darin schwenken - die Brennhaare werden dadurch ganz weich 
  • mit Wasser auffüllen
  • mit Pfeffer und Salz würzen
  • in die kochende Suppe je nach Menge ein oder mehrere Eier einrühren oder separat hergestellten Eierstich zugeben

Brennnesselkuchen

  • Hefe-, Quarköl- oder Pizzateig in eine Springform geben, Rand nicht vergessen
  • 100 ml Milch mit zwei Eiern und Gewürzen (Salz, Pfeffer, Muskatnuss) verquirlen
  • eine Zwiebel in etwas Butter(schmalz) andünsten
  • eine Schüssel kleine oder gehackte Brennesselblätter hineingeben, wenn vorhanden auch einen Bund gehackten Bärlauch
  • Eiermilch zugeben
  • Teig in der Springform verteilen
  • 100 g geriebenen Käse darauf verteilen
  • im vorgeheizten Ofen bei zirka 180°C 30 bis 40 Minuten backen

 

Friedrich Rückert

Brennnessel

Wenn ihr an Nesseln streifet,
So brennen sie;
Doch wenn ihr fest sie greifet,
Sie brennen nie.
So zwingt ihr die Feinen,
Auch die gemeinen Naturen nie.
Doch presst ihr wacker
Wie Nussaufknacker,
So zwingt ihr sie.

 

 

Bild Brennhaare: Jerome Prohaska, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Urtica_dioica_stinging_hair.jpg
Bild Pflanzenbuch: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz 1885, Gera. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Illustration_Urtica_dioica0.jpg