Conrad Ferdinand Meyer

Eppich

Eppich, mein alter Hausgesell,
Du bist von jungen Blättern hell,
Dein Wintergrün, so still und streng,
Verträgt sich`s mit dem Lenzgedräng?
Warum denn nicht?
Wie meines hat dein Leben
alt und junges Blatt,
Eins streng und dunkel, eines licht
Von Lenz und Lust!
Warum denn nicht?

"Es ist ein kleiner Vorgarten da, und die Fenster sind schon halb von Efeu überwachsen, als ob es eine alte Kirche wäre...", mit diesen Worten deutet Theodor Fontane im 33. Kapitel seines Romans "Effi Briest" den frühen Tod seiner Hauptfigur an.

Mit Efeu assoziieren wir eher den Tod als das Leben - wohl, weil er so oft auf Gräbern und Ruinen wächst. Dabei ist er doch immergrün und kraftvoll. Ursprünglich galt er daher als Symbol des Lebens und wegen seines anschmiegsamen, anhaftenden Wesens als Zeichen ewiger Freundschaft und Treue. Im alten Griechenland schmückte man Brautpaare mit Ranken des "Hedera helix". Die sprachliche Wurzel des lateinischen Namens "Hedera" "Sitz" - weil er auf Bäumen "sitzt" - wird auf das altindische "ghedh" "fassen/ umklammern" zurückgeführt. "Helix" stammt vom griechischen Wort "helica/ helissein" "winden/ drehen", denn der Efeu windet sich um das, dem er anhaftet, herum. Bei den Griechen hieß er daher "Kissós" "Schlinge". Unsere Bezeichnung geht auf auf das germanische "iwe" "ewig" zurück, so heißt er in einigen Gegenden auch "Ewigheu". Trugen die Mädchen zum Frühlingsfest einen Efeukranz, so sollte dessen Zauberkraft einen Ehemann herbeilocken, mit dem sie sich - wie damals noch üblich - auf "ewig" verbinden wollten. Der Legende nach sollen aus den Gräbern der Liebenden Tristan und Isolde, die König Marke im Tod trennen wollte und deshalb an verschiedenen Seiten einer Kirche begraben ließ, zwei Efeuranken so hoch gewachsen sein, dass sie sich über dem Dach wieder vereinten.

Später sollte laut Volksglauben der ins Haus gebrachte Efeu angeblich den ehelichen Frieden stören oder gar den Tod ins Haus bringen. Letzteres wohl, weil man vergaß, dass er ja auf Gräbern gepflanzt wurde, weil er ein Symbols des ewigen Leben war. Die ersten Christen betteten ihre Verstorbene in Hoffnung auf Auferstehung auf Efeu, die Nichtbekehrten auf Zypressen, die einmal gefällt, nie mehr nachwachsen. Im angelsächsischen Raum gehörte und gehört das "Wintergrün" zusammen mit der Stechpalme zum typischen Weihnachtsschmuck und soll in der dunklen Zeit, in der scheinbar alles stirbt, an die unversiegbare Lebenskraft der Natur erinnern.

Schon in Ägypten war Efeu mit Leben und Tod verbunden, war er doch dem toten, ewig wieder auferstehenden Osiris heilig.

Im antiken Griechenland war er neben der Weinrebe Dionysos, dem "Zweimalgeborenen", geweiht, der eben nicht nur der Gott des Weines war, sondern auch der, der Fruchtbarkeit schenkte und der im Rausch mit dem heiligen Lebensquell verbindet. Auch seine Begleiterinnen, die Mänaden, trugen Efeukränze und einen mit Efeu umwundenen Thyrsosstab. Dichter, die ebenfalls dem dunklen Urgrund nachspürten, bekränzten die Hellenen mit dem "Poetenkraut". Irgendwann vergaß man das Streben nach Bewusstseinserweiterung beim Genuss des Weins und glaubte nur noch, der Efeu würde die vom Alkohol erhitzten Häupter kühlen und so vor Trunkenheit bewahren.

Doch auch medizinisch wurde er bereits in der Antike verwendet. Der "Vater der Medizin", Hippokrates von Kós (um 460 - 375 v.u.Z.), nutzte ihn sowohl innerlich als auch äußerlich gegen Gicht, Lungen- und Milzleiden, Fieber, Ohren- und Kopfschmerzen. Dioskurides (um 60 u.Z.) empfahl Efeu bei Brandwunden, Hühneraugen, gegen Menstruationsbeschwerden, Kopf-, Ohren- und Zahnschmerzen. Er warnte aber auch vor der Einnahme des Efeusaftes, da dieser Geistesstörung verursachen könne. Ebenfalls Hildegard von Bingen (1098 bis 1179) riet vom inneren Genuss der "Ranke" ab, beschrieb aber die äußerliche Anwendung bei unregelmäßigen Blutungen, Gelbsucht sowie Eingeweidebrüchen.
Seit dem 16. Jahrhundert wurde er als Arzneipflanze gegen Nasenpolypen, entzündliche Reizungen der Schleimhäute im Mund- und Rachenraum, Rachitis, Ischias, Milzleiden und Gicht verwendet. Der "Vater der Botanik", Otto Brunfels (Anf. 16. Jh.), stellte die empfängnisverhütende, abtreibende Wirkung dieser Pflanze dar. In der Volksheilkunde wurde die Verwendung bei Nieren- und Gallenbeschwerden, und äußerlich als Salbe bei Hautleiden, als Umschlag bei Nervenschmerzen empfohlen.

Erst vor rund 200 Jahren wurde "Eppich" als Hustenmittel wiederentdeckt, als ein schlesischer Arzt beobachtete, dass die Bauernkinder, die aus Efeuholz-Schüsseln tranken, seltener an Katarrhen der Luftwege litten. Die Wirksamkeit des Efeu-Extrakts bei Husten, akuter und chronischer Bronchitis sowie Asthma bronichiale wurde mittlerweile durch klinische Studien bestätigt. Auch zur Linderung von Keuchhusten wird er eingesetzt. Die enthaltenen Saponine wirken krampf- und schleimlösend. Laboruntersuchungen zeigten zudem, dass alpha-Hederin Bakterien, Viren und Pilze abtöten kann. Bei der innerlichen Einnahme als Tee muss man wegen der leichten Giftigkeit bei Überdosierung vorsichtig sein und ihn nicht zu stark und zu lange anwenden. Günstig sind Mischtees z.B. mit Salbei oder Thymian, weil seine Dosierung dann niedriger ist (zwei Teelöffel pro Tasse 20 Minuten ziehen lassen).

Sämtliche Pflanzenteile sind mehr oder minder giftig. Hier gilt wie immer: Die Dosis macht das Gift. Die sehr bitteren Früchte sollten nicht probiert werden: Schon nach Einnahme von zwei bis drei Beeren können Durchfall, Erbrechen, Kopfschmerzen, erhöhter Puls und Krämpfe auftreten. In höheren Dosen wirkt auch der Blätterextrakt reizend auf Schleimhäute, Kontaktdermatiden sind möglich, deshalb wird er von manchen nicht mehr für die äußerliche Verwendung angeführt. Schwangere sollten gänzlich auf Efeu-Arzneien verzichten.

Von der Schulmedizin noch wenig untersucht, jedoch in der Homöopathie bekannt, ist die Wirkung der "Mauerklette" bei Schilddrüsenüberfunktion infolge Jodmangels. Früher wurde Efeu in den Alpenregionen zur Hausbegrünung gepflanzt, denn man hatte bemerkt, dass bei den Bewohnern von umrankten Häusern seltener Kropferkrankungen, also Jodmangelstruma, auftraten. Efeu "fängt" Jod und dünstet dieses aus.

Angst braucht man vor dem "Immergrün" also nicht haben, auch wenn er zuweilen "Baumwürger" genannt wird. Fälschlich wird manchmal angenommen, er würde mit den Haftwurzeln Bäume wie ein Schmarotzer aussaugen. Doch er versorgt sich mit Hilfe seiner Bodenwurzeln mit Wasser und Nährstoffen. Ein "Baumtod" kann er trotzdem sein, wenn er zu groß oder zu schwer für den Träger wird und dieser nicht mehr genügend Licht erhält, um sich ausreichend zu ernähren.

Übrigens ist der "Klimmup" der einzige mitteleuropäische Vertreter der Araliengewächsen; er ist also mit dem Ginseng verwandt. "Immergrün" hat einen ganz besonderen Lebensrhythmus: blüht erst in Alter zwischen acht und zehn Jahren im August bis Dezember und bildet im Winter grüne Früchte aus, die sich im Frühjahr zu blauschwarzen Beeren reifen. Mit dem Übergang in die Blühphase treibt er keine Haftwurzeln mehr, die Triebe wachsen nun spiralig und aus den ursprünglich drei- bis fünflappigen Schattenblättern werden lang zugespitzte Lichtblättern.
Efeu kann über 400 Jahren alt werden und dabei einen Stammumfang von mehr als einem Meter bekommen.

 

 

Efeu gegen Hühneraugen

"Hühneraugenkraut" kann symptomatisch helfen. Frische Blätter werden zwei Tage in Essig eingelegt, danach feucht über Nacht auf die Hühneraugen gelegt und am nächsten Morgen wieder entfernt. Diese Vorgehensweise wird solange wiederholt, bis die Hühneraugen verschwunden sind.
 

Efeu-Öl

Äußerlich kann man Efeu-Öl kann man gegen Cellulite verwenden. Es wirkt adstringierend (zusammenziehend), fördert die Durchblutung und regt den Stoffwechsel an den einmassierten Stelle an und wirkt so der Orangenhaut entgegen. Besonders wirksam ist es wenn man ein paar Tropfen Rosmarin, Wacholder oder Zimt zugibt.
Eine Handvoll Efeublätter kurz mit kochendem Wasser überbrühen und dann mit ca. 100 – 150 ml Ölivenöl übergießen und mindestens einen Tag ziehen lassen. Durch ein Sieb geben und abfüllen.

 

Sándor Petöfi

In hundert Gestalten

Mancherlei Gestalt hat meine Liebe,
hundertfach verwandeln kann sie sich.
Wie die Flut – als wärst du eine Insel
brandet meine Leidenschaft um dich.

So, als wärst du eine Kathedrale,
die ehrwürdig ragt zum Himmel auf,
rankt sie demütig zum andern Male
wie der Efeu sich an dir hinauf.

Manchmal springt sie, wie ein Straßenräuber
einen Reichen überfällt, dich an,
manchmal tritt sie zag und unterwürfig,
einem Bettler gleich, an dich heran.

Bald bestürmt sie dich wie ein Gewitter
der Karpaten Firn, mit Donnerhall,
bald besingt sie dich, so wie der Rose
süße Lieder singt die Nachtigall.

Also wandelt stets sich meine Liebe
wie das Leben, und sie endet nie.
Strömt sie wie ein stiller Strom oft sanfter,
glaub mir, um so tiefer nur ist sie.

 

Bild Mänade: Kopie nach einem Original aus dem Athen des 5.Jh. v.u.Z. Museo del Prado. Foto: Luis García. http://commons.wikimedia.org
Bild Fruchtstand: Blaue Schönheit – Efeu. AndreasFischer52. http://www.fotocommunity.de/pc/pc/display/30629148