"Solange überhaupt was blüht,
blüht auch das Gänseblümchen,
Wie sehr der Winter sich auch müht,
wo man nur etwas Grünes sieht,
das kleine Gänseblümchen blüht."

Heinz Kahlau

 

Im Keltischen wurden die kleinen Schönen "Maßliebchen" genannt. Woher kommt die Bezeichnung "Gänseblümchen"? Meist wird sie darauf zurückgeführt, dass diese Blümchen besonders gut wuchsen, wo die Gänse geweidet wurden.
Aber vielleicht bekamen sie den Namen der Gänse, weil sie uns wie diese Vögel vom Frühling bis in den Spätherbst, in den November – in dem die letzten Wildgänse wegziehen – begleiten. Im bäuerlichen Jahr galt einst der Martinstag (11.11.), der in der Legende mit Gänsen verbunden ist, als Beginn des Winters. Er markierte die Hinwendung der Seelen – die häufig in Gestalt dieses Vogels symbolisiert wurden - zur jenseitigen Welt, zur Welt der Stille und des Todes. Daher auch der Brauch der Schlachtung einer Gans.
Im Frühjahr kommen die Gänse zurück. Die kosmische Gänsemagd, die Sonne, treibt dann alles Beseelte wieder in die irdische Welt und kämmt ihr goldenes Haar. Auch die kleinste der Sonnenblumen wendet dem Sonnengott Baldur dann wieder das Gesichtchen zu. Die ausdauernde Schöne - "Bellis perennis" - ist nun wieder "Day's Eye" ("Auge des Tages") oder kurz "Daisy". "Wenn du mit einem Fuß auf sieben Gänseblümchen treten kannst, dann ist es Frühling", lautet ein englisches Sprichwort.

Den Zusammenhang zum Totenglauben zeigt eine irische Legende, in der erzählt wird, dass die Seelen verstorbener Kinder die Gänseblümchen auf den Wiesen verstreuen und eine slowakische Redensart lautet: "Wenn im Frühling viele Gänseblümchen blühen, dann sterben im Herbst viele Kinder." Im 18. Jahrhunderts fürchtete man fälschlich, dass diese Pflänzchen  zum Abtreiben von Kindern missbraucht werden können, und so schrieben Verordnungen in manchen deutschen Gegenden den Bauern vor, sie auszurotten.

Eine Kinder-Blume ist es aber trotzdem. Nicht nur, weil Kinder es lieben, auch weil sein Wesen hilft, die "Unschuld und Reinheit" zu bewahren oder wiederherzustellen. Einst wurde ein "Gichterkränzlein" aus Gänseblümchen unter das Kissen kranker Kinder gelegt. Auch der Kräuterpfarrer Künzle empfahl: "Eine Prise Maßliebchen soll man jeder Mischung für Kindertee beifügen; es hat es in sich, Kindern, die trotz guter Kost nicht gedeihen wollen, auf die Beine zu helfen." Hilfreich ist es auch bei Teenagern, da es heftige Stimmungsschwankungen mildert,  gegen die Ursachen von Akne wirkt und die schmerzhafte Menstruation von Mädchen lindern kann, indem es Stauungen in den Kapillaren löst – Bellis ist die "Arnika der Gebärmutter".

Letztlich kann das Gänseblümchen aber allen Menschen-"Kindern" helfen und nicht nur, weil sich die Stimmung beim Anblick einer Wiese mit den kleinen Sonnen aufhellen kann.
Leonhart Fuchs schrieb 1543: "Die Gennssblum ist fürtreffenlich gut zu den lamen glidern / verzeret auch die kröpff/ ist gut zu dem Podagra / vnnd hüfftwee / dann es zerteylt vnnd verzert allerley grobe feuchtigkeyt." Und Lonicerus meinte: "Fürn krampff / siede die maßlieben in guten wein / trincks so du schlaffen wilt gehn / es hilfft. Für flecken am leib / siede diss kraut mit der wurzel in regenwasser / wasche damit die flecken / sie vergehn... Massliebchen hevlet die wunden / kület die leber / löschet innerlich hitz."
Die heutige Volksmedizin verwendet die frischen oder getrockneten Blüten und Knospen als Tee oder Tinktur zur Appetitanregung, als Magen-, Galle- und Lebermittel, bei Husten, als Blutreinigungsmittel und bei Hautleiden, denn Gänseblümchen wirken schleimlösend, zusammenziehend - daher wundheilend -, blutreinigend, stoffwechselanregend, etwas abführend sowie leicht schmerz-, juckreiz- und krampfstillend.
Bellis hilft bei allen seelischen und körperlichen Verletzungen. Auch dann, wenn man sie sich selbst durch Überanstrengung zugefügt hat.

Darüber, wann die Blüten am wirkungsvollsten sind, gehen die Meinungen auseinander. Meist wird vorgeschlagen, sie von Mai bis August zu sammeln. Doch vielleicht ist es, wie Jean Paul meint: "Das Schicksal geht mit uns wie mit Pflanzen um. Es macht uns durch kurze Fröste reifer." Die Herbst-Blümchen müssen auf alle Fälle eine besonders große Lebenskraft haben.

 

Gänseblümchenöl

Eine Handvoll Gänseblümchen mit Olivenöl übergießen und ungefähr drei Wochen ziehen lassen, dann abseihen. Das Öl hilft äußerlich aufgetragen gegen blaue Flecken, kann aber auch innerlich eingenommen werden oder als Gewürz dienen.

 

 

"Bedenk,
dass das demütigste aller Gänseblümchen
verführerischer ist als die stolzeste und glänzendste Dornrose,
die uns im Frühling mit ihren durchdringenden Düften
und ihren lebhaften Farben verlockt."

Honoré de Balzac

 

 

Foto Gänse: Daniel Ullrich (https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Anser_anser_colony.jpg?uselang=de)