"Einige nennen mich Mutter Holunder,
andere nennen mich eine Dryade,
aber eigentlich heiße ich Erinnerung."

Hans Christan Andersen „Mutter Holunder“

Mich erinnert das "Fliedermütterchen" nicht nur an die holde Frau Holle und die höllenhafte Göttin Hel, auch an die im Holunderstrauch singende Schlange Serpentina, die in E.T.A. Hoffmanns Märchen "Der Goldene Topf" den Studenten Anselmus letztlich an seine wahre Bestimmung erinnert. Und natürlich fällt mir auch ein "Kinder"-Spruch ein: "Ringel, Ringel, Reihe – Wir sind der Kinder dreie, sitzen unterm Hollerbusch, machen alle husch, husch, husch." Die drei, die sich da so schnell im Reigen drehen, sind die drei Erscheinungsformen der "Großen Göttin": die Weiße, die Rote, die Schwarze - die Wachsende, die Fruchtragende, die Vergehende –  die drei "Kinder" sind die drei Phasen des Jahres, letztlich die drei Phasen alles Seins.

Der Holunder galt als ein Tor zur Anderswelt, zum Reich der alten, ollen Göttin, bei der die Seelen wohnen, wenn sie nicht in unserer Welt sind. Daher sollte es Unglück bringt, ihn zu fällen oder rücksichtslos zu beschneiden. Sein Verdorren prophezeite den Tod eines Familienmitglieds. Im Englisch heißt er "elder tree", "Ahnenbaum". Im Hausgarten galt er als Beschützer des Lebens, doch durfte der Holderstock nicht angepflanzt werden, sondern musste vom Schicksal angeweht werden. Dann bewahrte er gegen schwarze Magie, vor Blitzeinschlag und Feuer, aber auch vor Schlangenbissen und angeblich ebenso vor Mückenstichen. Mit einem Pfeifchen aus einen ausgehöhlten Hollerast sollte man die im Strauch wohnenden Geister beschwören können – besonders in der Zeit um die Mitsommernacht am 21. Juni. Griechisch heißt Flöte "sambuke" und so lautet der botanische Name "Sambucus".

"Vor Holunder soll man den Hut ziehen!", lautet eine Redensart, die nicht nur eine Würdigung der Geister ist, auch der Heilkraft dieses Strauchs. Man glaubte, dass er die schlimmsten Krankheiten auf- und abnehmen könne, wenn man sie daran bände. Ausscheidungen Kranker wurden unter ihm vergraben, auf dass die Krankheitsgeister sterben mögen. Das Badewasser von Neugeborenen wurde darunter ausgeschüttet, damit sie gesund blieben oder würden. Bei Fieber sollten nicht nur seine Blüten helfen, auch ein Ritual, das mit einem Zauberspruch begleitet wurde:

"Zweig, ich biege dich.
Fieber, nun lasse mich.
Hollerast, hebe dich auf.
Fieber, setze dich drauf.
Ich hab dich einen Tag,
hab du's nun Jahr und Tag."

Seit Jahrhunderten diente der Holunder als Allheilmittel.
Die Kelten und die nordamerikanischen Indianer verwandten die giftige Rinde des Holunders als Abführmittel, um durch Erbrechen oder Durchfall schädliche Stoffe und Krankheitsgeister aus dem Körper auszuscheiden. In der Antike wurde Holunder auch als schleim- und galleabführendes Mittel sowie bei gynäkologischen Erkrankungen eingesetzt. Der griechische Arzt Pedanius Dioskurides äußerte im ersten Jahrhundert, dass die in Wein gekochten Wurzeln gegen Schlangen- und Hundebisse hilfreich seien und die Blätter als Auflage bei Geschwüren und Furunkeln dienen können. In der Renaissance schrieb der Botaniker Hieronymus Bock in seinem bekannten "Kreütterbuch": "Holder inn leib genüzt / ist einer krefftigen außtreibenden Natur... / treibt auß die Wassersucht mit gewalt /..." Daher wohl der Name "Pisseke". Die Bezeichnung "Kelken" oder "Keilkebeerenbaum" deutet die schmerzlindernde Wirkung der Beeren bei Koliken an. Und dass der Holunder wegen der Wirkung seiner Blüten auch "Schwitztee" heißt, verstehen heute noch die meisten. Doch die Blüten sind nicht nur schweißtreibend und fiebersenkend, auch schleimlösend. So hilft Holunder auch bei Bronchialbeschwerden. Das ätherische Öl wirkt entzündungshemmend, fördert die Sekretion, regt Leber und Galle an, was bei Rheuma lindernd sein kann. Dass der Duft müde macht und daher gegen Schlaflosigkeit hilft, ist sprichwörtlich geworden. Die Beeren enthalten außer reichlich Vitamin C, Gerbstoffe, organische Säuren, auch das Glukosid Sambunigrin, das eine antientzündliche Wirkung hat und in der Lage ist, freie Radikale zu binden.

Achtung: Die Beeren nur reif und gekocht verwenden. Bei den Blüten nur die kleineren Stiele belassen, sonst provozieren Sie durch die toxische Wirkung eine "Zwangsreinigung" Ihres Körpers.

 

 

Holunderblüten-Tee gegen Husten und Fieber

Zwei Teelöffel Holunderblüten mit einem halben Liter kochendem Wasser überbrühen und 10 Minuten ziehen lassen. Ein bis zwei Tassen trinken, ins Bett legen und kräftig schwitzen.

 

Holunderblütengelee

In 750 ml Apfelsaft ungefähr 10 bis 20 Holunderblütendolden geben und 24 Stunden stehen lassen. Abfiltern, mit 500 g Gelierzucker (2:1) und dem Saft von einer Zitrone aufkochen und in Schraubgläser füllen.

 

Holunderblütensirup

1 Liter Wasser mit 1 Kilogramm Zucker und 2 in Scheiben geschnittenen Zitronen aufkochen bis sich der Zucker gelöst hat. Den Zuckersirup abkühlen lassen. Dann über 25 bis 30 Holunderblütendolden gießen und zugedeckt 3 Tage ziehen lassen. Danach den Sirup durch ein Sieb gießen und in vorbereitete Flaschen füllen.
Mit ein bisschen Pfefferminz sowie Sprudelwasser und Wein oder Sekt kann man damit seinen eigenen "Hugo" herstellen, aber auch einfach mit Wasser verdünnt schmeckt man den Frühsommer.

 

 

An Julchen

Ein Schmetterling
wischt im Flatterflug
Staub aus deiner Seele

Wenn das grüne Gras dich trägt
heilt dich Holunder
mit seinem Duft

- lässt der stille See
seine Kühle
durch deine Sinne fließen

alles heilt.

Georges Ettlin

 

 

Bild Holunderstrauch: Willow; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Sambucus_nigra_004.jpg?uselang=de
Bild "Anselmus und Serpentina" von Kay Konrad: http://www.kaykonrad.de/dergoldenetopf.html