"Rührst du leicht an meine Schulter,
steht ein Schein blass auf und glüht;
und ich pflück dir in der Stille,
die süß duftet, die ..."

"Maythen", "Kummerblume", "Kindbettblume", "Remi", "Haugenblum", "Muskatblume", "Kühmelle", "Kamelle", auch "Mutterkraut", "Moderkrug", "Hermelin", "Apfelblümchen",  "Mariamagdalenakraut", "Mägdekraut" genannt … Viele Namen hat sie, die "Echte Kamille" ("Matricaria chamomilla" oder "Matricaria recutita").
Die Bezeichnung "chamaimelon" stammt aus dem Griechischen: von "chamai" , "niedrig", und "melon" , "Apfel" - wegen des Geruchs der Blütenköpfchen. Der Gattungsname "Matricaria" rührt vom lateinischen "mater", "Mutter", wohl, weil die Kamille besonders bei Erkrankungen im Wochenbett angewendet wurde, oder weil sie wie eine liebe Mutter - "carus" bedeutet "lieb" - bei so vielen Leiden Linderung bringt.
Hilft bei so viele Leiden wie ihre zahlreichen Blüten ... und das sind mehr, als man gemeinhin denkt. Hat sie doch auch wesentlich mehr davon als auf den ersten Blick zu sehen: Ihre gelben hohlen Bäuchlein, die sie der Sonne entgegen aufbläht, bestehen aus vielen kleinen Blüten, die  die größeren Köpfchen bilden ("Pseudanthium").
Es ist, als wolle die kleine Zartnervige hinauf zum Himmel. Tiefblau wie dieser in der Dämmerung ist auch ihr Öl, das "Azulen". Es gehört zu den teuersten Heilpflanzenölen.
Dabei ist sie anspruchslos: wächst auf sandigen oder lehmigen Böden, auf Äckern, Brachland, an Wegen und Gleisen; steht wieder auf, wenn sie getreten wird.

Selbst wenn man keine andere Heilpflanze zur Verfügung hat, kann man doch mit der "lieben Mutter" - frisch, getrocknet oder als Tinktur - die meisten Gesundheitsbeschwerden des Alltags behandeln und lindern, da sie antibakteriell und entzündungshemmend sowie krampflösend und beruhigend wirkt.

Innerlich (auch als Rollkur):

Menstruationsbeschwerden
Verdauungsschwäche
Aufstoßen und Sodbrennen
Blähungen
Magenkrämpfe
Durchfall
Dickdarmreizung durch Abführmittel
Magenschleimhautentzündung
Darmschleimhautentzündung
Magengeschwüre
Zwölffingerdarmgeschwüre
Halsentzündung
Husten
Kopfschmerzen
Schlaflosigkeit
Nervosität
Nervenschmerzen

Äußerlich als Inhalationen, Spülungen, Bäder, Umschläge, Salben:

Zahnfleischentzündung / Entzündung des Mundraums
Entzündungen der Nase / Schnupfen
Kiefer-/ Stirnhöhlenentzündung
Wundsein ("Wolf")
Brustdrüsenentzündung
Unterschenkelgeschwüre
Ekzeme
Juckreiz
Furunkel
Hämorrhoiden
Hautunreinheiten
Pilze
Blasenschwäche

Kamille wirkt austrocknend, also bei trockener Haut nicht hemmungslos anwenden. Evtl. mit einer fetthaltigen Creme ausgleichen. Bei Hautallergien mit der äußeren Behandlung vorsichtig sein.
Nicht bei Augenentzündung zur Spülung oder als Umschlag anwenden. Bei Inhalationen besser die Augen schließen.

Homöopathisch:

Krämpfe im Bereich des Bauches
Husten/ Keuchhusten
Überempfindlichkeit des Nervensystems
Kopf- / Gesichtsneuralgien
Kopfschmerzen
entzündete Augen/ Ohren
Zahnschmerzen/ Zahnungsschmerz
Glieder-/ Muskelschmerzen
Rheuma
Gicht
Hexenschuss/ Ischias

 

 

Kein Wunder, dass die Kamille bei so viel Heilwirkung in heidnischen Zeiten der Freya heilig war und im Mittelalter der Mutter Gottes, Maria, geweiht wurde.
Vielleicht sammeln Sie im August noch ihre Blütchen.

 

Kamillentee zur äußerlichen und innerlichen Behandlung

Ungefähr 1 bis 2 Esslöffel Kamillenblüten mit 2 Tassen kochendem Wasser aufgießen, nach 15 Minuten abseihen.
Bei Magenbeschwerden eventuell je 1 Teil Kamille und Melisse, 2 Teile Minze.

Genusstee

Nicht zu stark ansetzen, sonst bewirkt er eher Brechreiz als Entspannung. Es reicht 5 Blüten pro Tasse 5 bis 10 Minuten ziehen zu lassen.
Mit Eierschalenwasser zubereitet, soll dieser Tee gegen Knochenschwund helfen, wenn auf ein Übermaß an Fleisch und Eiweiß verzichtet wird.
Trotzdem gilt: Die Teearten immer mal wieder wechseln, trinken Sie nur Kamillentee bekommen Sie irgendwann Magenbeschwerden.

 

Theodor Kramer

Die Kamille

Wo die leeren Stockgeleise
sich ins Nutzland wie ein Keil
schieben, blüht aus Schutt und Rille
kiesgesäuert die Kamille
um die Schwellen blass und heil.

Dünner Rauch steigt aus den Schloten,
dumpf verschwebt der Pfiff der Bahn;
keiner von den vielen Funken,
die ins spröde Gras gesunken
sind, hat ihr noch was getan.

Willst du mich am Abend sehen,
warte nicht im Stiegenhaus;
komm im ersten leichten Schatten,
der die Holpern längs der Latten
schwach noch sehen lässt, hinaus.

Scherbenzaun, Gestäng und Halle
sind im Finstern mir nicht fern;
einsam weist die lange Reihe
der Signale grün ins Freie
und am Himmel schwingt ein Stern.

Rührst du leicht an meine Schulter,
steht ein Schein blass auf und glüht;
und ich pflück dir in der Stille,
die süß duftet, die Kamille,
die für uns verschattet blüht.

PS: Das Duo "Zupfgeigenhansel" hat vor vielen Jahren das Kramer-Gedicht vertont. Die sehr empfehlenswerte Platte/ CD "Andre, die das Land so sehr nicht liebten...", auf der es zu finden ist, gibt es neu nur noch auf der Seite von Erich Schmeckenbecher unter "Theodor Kramer" (Vielleicht mal bei Amazon reinhören). Es ist aber auch auf der aktuellen Live-CD "Der Vogel Sehnsucht"  des Künstlers vertreten. Eine Hörprobe, der etwas geänderten Version: http://www.erich-schmeckenbecher.de/albums/vogel-sehnsucht/.

Bildquelle Querschnitt: http://flora-emslandia.de/wildblumen/asteraceae/matricaria/matricaria.htm
Bildquelle Kamille an Gleisen: Verena N.; www.pixelio.de