Josef Guggenmos

Ein Igel ist auf einem Blatt
Das wie die Hand fünf Finger hat
Auf einem Baum
Du glaubst es kaum

Der kleine Igel Stachelspitz
fiel auf den Kopf vom kleinen Fritz
von seiner Mütze
in die Pfütze

Da war es mit dem Igel aus
Er platzte – und was kam heraus?
mit einem Hops
ein brauner Mops

 

Des Rätsels Lösung ist natürlich die Kastanie – genauer gesagt die "Rosskastanie", "Aesculus hippocastanum". Für ihren Namen gibt es mehrere Erklärungen. Die Osmanen sollen die Samen als Pferdefutter und als Heilmittel gegen Pferdehusten nach Europa mitgebracht haben. Andere vermuten, dass die Bezeichnung auf das alte Wort "ross" zurückgeht, welches "falsch" bedeutet, und diesen Baum von der Esskastanie, die zu den Buchengewächsen gehört, abgrenzt. Der Gattungsname wurde den wunderschönen mächtigen Bäumen von Carl von Linné in Anlehnung an das lateinische Wort "aesculus" gegeben, das Bäume bezeichnete, die dem Jupiter heilig waren. "Hippocastanum“ nannte er sie wegen des deutschen Namens, der eben auch als Pferd ("hippos") verstanden werden kann und im Rückgriff auf Matthiolus, der die Art 1565 "Castanea equina" genannt hatte.

Weltweit gehören zur Gattung über 20 Arten, die besonders in Nordamerika, Ostasien und Indien verbreitet sind, aber auch in Südosteuropa und Kleinasien. Von dort wurde die Rosskastanie laut dem Botaniker Carolus Clusius 1561 über Konstantinopel nach Prag und 1576 nach Wien gebracht. Sie wurde als Zier- und Alleebaum nachgezogen und schließlich in ganz Europa verbreitet. Kein Wunder: Ist sie doch mit ihrer breit ausladenden schattenspendenden Krone, den handförmig geteilten Blättern und den Rispen voller orchideenartig aussehenden Einzelblüten eine echte Schönheit.

Wandelt sich die Blütenfarbe von Weißgelb ins Rötliche, so ist dies für die Insekten ein Signal, dass der Nektar zur Neige geht.

Auch anderen Tiere bietet sie Nahrung. Fast jedes Kind hat schon einmal ihre Samen für die Winterfütterung von Rehen und Hirschen gesammelt. Für Menschen gilt die "Pferde-" oder "Saukastanie", die auch "Foppkastanie" oder "Bittere" genannt wird, als nicht essbar. Das stimmt jedoch nur bedingt. Durch ihren hohen Saponingehalt ist sie nicht genießbar, aber man kann diese ausschwemmen, indem man sie anröstet, schält, in Stücke schneidet und dann mehrere Tage in wässert. Anschließend kann man sie kochen und essen.

Ausgezogene Saponine machen das Wasser seifig und wurden in Kriegszeiten auch zum Waschen benutzt. Früher wurden die Pflanzenteile der Rosskastanie auch zum Färben von Wolle verwendet. Die Rinde bewirkte ein bräunliches Gelb, die Schalen Braun, die Blätter ergeben im Frühjahr gepflückt einen rostbeigen, im Sommer einen honiggelben Farbton. Auch die enthaltene Stärke machte man sich zu nutze: Geröstet wurde Kastanien zum Kaffeeersatz, vergoren zu Branntwein und mit Wasser angerührt zu einem insektenabwehrenden Tapetenleim.

In der Hosentasche getragene reife Früchte sollten angeblich bei Gicht und Rheuma Linderung bringen, darauf weist die Bezeichnung "Gichtbaum“ hin. Auch gegen den "Wolf" – Entzündung von Hautpartien durch Scheuern - beim Wandern und Reiten sollten eingesteckte Kastanien helfen.

Dagegen ist die Behandlung der chronisch venösen Insuffizienz mit den Symptomen Beinschwellungen, Krampfadern, Krämpfe, Juckreiz und Spannungsgefühl in den Waden medizinisch allgemein anerkannt. Das aus Samen, Rinde, Blättern und Blüten extrahierbare Wirkstoffgemisch aus Gerbstoffen, Flavonen und Aescin hat eine Gefäß stärkende, antikoagulierende und entzündungshemmende Wirkung und verbessert die Fließfähigkeit des Blutes. Die daraus hergestellten Präparate werden beispielsweise gegen Krampfadern, Beinödeme und Hämorrhoiden, zur Behandlung von lokalen Schwellungen und Blutergüssen, aber auch bei Magen- und Zwölffingerdarm-Geschwüren oder krampfartiger Regel sowie Gebärmutter-Blutungen eingesetzt. Saponin (auch als Aescin bezeichnet) setzt die Oberflächenspannung des Wassers herab und wirkt so abschwellend, schleimlösend und Auswurf fördernd. So kann es bei Husten und Bronchitis helfen. Die schmerzstillenden Extrakte werden gelegentlich auch gegen die Beschwerden bei Rheuma und bei Fieber benutzt.

Präparate aus Rosskastanie werden heute meist äußerlich als Creme, Kompresse oder Bad verwendet. Sogar gegen Lupus erythematodes setzt die Volksheilkunde Waschungen mit einer Rindenabkochung ein. Diese enthält das fluoreszierende Glykosid Aesculin. (Wenn man einen Kaltauszug aus der Rinde junger Zweige anfertigt, kann man das Leuchten beobachten). Es bindet ultraviolettes Licht und kann als Sonnenschutzmittel genutzt werden.

Aber auch Tee aus Blättern und Blüten oder eine Tinktur für die innerliche Einnahme können bereitet werden, um die Venen, Arterien und feinen Kapillaren zu stärken und von Ablagerungen befreien. Gelegentlich kann es dabei durch den hohen Saponingehalt zu Kopfschmerzen, Magenbeschwerden, Übelkeit und Juckreiz kommen, deshalb sollen die Extrakte wohl dosiert werden. Schwangeren sollten keine Rosskastanien-Mittel einnehmen, da Aescin nicht nur auf die Gefäße, sondern auch auf andere muskuläre Organe wie die glatte Muskulatur des Uterus wirkt.

Leider kann der Tee aus den Blättern nicht mehr uneingeschränkt empfohlen werden, hat sich doch die in den achtziger Jahren erstmals in Mazedonien nachgewiesene Miniermotte seit den neunziger Jahren auch in Deutschland verbreitet. Diese legt zur Blütezeit bis zu 100 Eier auf den Blättern ab und ihre Larven fressen Gänge in das Gewebe. Nach einigen Wochen verpuppen sich die Raupen. Die befallenen Blätter welken und fallen vorzeitig ab – oft schon im Hochsommer. Das Vernichten der am Boden liegenden Blätter kann den Befall zumindest verzögern. Da kann man der Rosskastanie nur eines wünschen... (Siehe Gedicht von Karl Heinrich Waggerl) 


 

Rosskastanien-Tinktur

Zerkleinern Sie geschälte oder ungeschälte Kastanien und füllen Sie diese in ein Schraubglas. Gießen Sie Doppelkorn oder Franzbranntwein darüber, bis alle Teile gut bedeckt sind. Lassen Sie den Ansatz mindestens vier bis sechs Wochen unter gelegentlichem Schütteln ziehen. Seihen Sie den Auszug ab.
Ggf. können Sie die Tinktur  bei Venenschwäche, Durchblutungsstörungen, Arteriosklerose, Stauungen und Ischias einnehmen.
Aber Vorsicht: Beginnen Sie mit wenigen Tropfen, da Saponine Verdauungsbeschwerden hervorrufen können. Manchmal werden sogar 2 bis 3 mal täglich 10 bis 50 Tropfen empfohlen – die obere Dosierung erscheint mir zu hoch. Sie können die Wirkung jedoch mit anderen zum Leiden passenden Kräutern verstärken.
Die Hauptanwendung ist sicher die äußerliche. Die Tinktur vom Fuß in Richtung Oberschenkel einmassieren. Entweder pur – dann gegen die austrocknende Wirkung des Alkohols nachcremen –, vermischt mit Aloe-Gel oder einer Hautcreme oder Sie fertigen mit Olivenöl, und Bienenwachs eine eigene Salbe.

 

 

Karl Heinrich Waggerl

Rosskastanie

Wie trägt sie bloß
ihr hartes Los

in Straßenhitze und Gestank?
Und niemals Urlaub, keinen Dank!
 

Bedenk, Gott prüft sie ja nicht nur,
er gab ihr auch die Rossnatur.