Ein Augenblick hat da geglüht

In einer blauen Hügelwelt
Bei einer Amsel Sehnsuchtton
Ein großes, grünes Roggenfeld,
Und drinnen feuerroter Mohn.
Wie ein Laternlein jede Blüt,
Und brennen röter als der Tag.
Ein Augenblick hat da geglüht,
Der lang noch nicht erlöschen mag.

Max Dauthendey

 

 

Kaum eine andere Blume wird so mit der Flüchtigkeit schöner Frühsommertage verbunden wie der "Flattermohn" - der wilde Mohn.
Bereits im Altertum galt er als Symbol der Vergänglichkeit. Wer weiß, warum seine Samen auch in ägyptischen Gräbern gefunden wurden.
Unter anderem weil die Kapselfrüchte des "Feldmohns" ungewöhnlich viele Samenkörner (2000 bis zu 5000) enthalten, war die "Kornrose" in Griechenland der Fruchtbarkeitsgöttin Demeter geweiht. Brautpaare wurden oft mit Mohn überschüttet, damit sie viele Kinder bekämen.
Auch in Persien steht diese rote "Feuerblume" für die heiße Liebe und ihr schwarzer Mittelpunkt für die mit dieser verbundenen Leiden.
In Europa verwandte man "Klatschmohn" als Liebesorakel: Man schlug angeblich auf die Blütenblätter und versuchte an der Stärke des Klatschgeräuschs den Grad der Gegenliebe zu bestimmen.
In der christlichen Malerei des Mittelalters war die "Blutblume" das Symbol für die Liebe und das Blut Christi.
Heute wird am "Poppy Day" - am Sonntag nach dem Waffenstillstand des Ersten Weltkriegs (am 11.11.1918) -  an das Blut der gefallenen Soldaten erinnert. Berichteten doch viele, dass auf den Flächen, auf denen im Vorjahr heftige Schlachten getobt hatten, und auf den frisch aufgeschütteten Grabhügeln besonders viele Mohnbumen wuchsen.

Wie Blutstropfen der verletzen Erde wachsen sie auf lockeren und steinigen Brachen, Schuttplätzen, an kargen Böschungen oder an Bahnschienen und Wegrändern und bereiten als Pionier anderen Pflanzen den Boden, so dass sie nach und nach von Gräsern und anderen Gewächsen zurückgedrängt werden. Manchmal wird Klatschmohn sogar bewusst zur Begrünung von Ödflächen angesät.

Früher wuchs er auch viel häufiger in Kornfeldern, doch durch Unkrautbekämpfungsmittel hat es dieser ursprünglich aus Asien stammende Archäophyt, der die Menschen seit der Durchsetzung des Ackerbaus auch in Europa begleitet, schwer.

Im Gegensatz zur kräftigen roten Farbe sind seine vier Kronblätter sehr zart und dünner als leicht knittriges Seidenpapier. Er blüht nur zwei oder drei Tage, gepflückt noch nicht mal diese. Und doch hat er auf seinen rund 160 Staubblättern ungewöhnlich viele Pollenkörner - etwa 2,5 Millionen schätzt man. Und auch seine Wurzel reicht mit bis zu einem Meter tiefer als man gemeinhin denkt.

Zurückgedrängt ist der kleine Bruder des echten Mohns nicht nur in der Landwirtschaft, auch in der Medizin. In Studien wurde keine "echte" Wirkung festgestellt, daher wird der Klatschmohn von der Schulmedizin nicht oder nur als Schmuckdroge zur Verschönerung von Teemischungen eingesetzt.

In der Geschichte wurde Klatschmohn jedoch auch als Heilpflanze angesehen. Dioskurides empfahl einen Trank aus in Wein gekochten Kapseln als beruhigendes Schlafmittel. Auch Tees helfen sanft gegen Schlaflosigkeit und nervöse Unruhe. Und da dieser Mohn so zart ist, kann er auch für Kinder eingesetzt werden. Besonders als Sirup, der gegen Hustenreiz hilft. Zubereitungen aus Klatschmohn sollen auch menstruationsfördernd wirken, eine Eigenschaft, die heutzutage meist ebenfalls nicht besonders geschätzt wird. Äußerlich kann ein Aufguss als Umschlag oder Waschung gegen Hautprobleme und Furunkel angewendet werden. Mohnöl hilft kreisförmig sanft einmassiert gegen Bauchweh.  

Vor der Blütezeit ist es möglich, die jungen Blätter in Salaten zu verwenden oder wie Spinat zu kochen. Wenn man nicht übertreibt, kann man auch die jungen, noch grünen Früchte essen.

Allerdings kann der Genuss von zu großen Mengen - insbesondere des weißen Milchsafts - zu Bauchschmerzen und Erbrechen, Müdigkeit, zentralvenöser Erregung oder sogar zu epileptiformen Krämpfen führen.

 

Klatschmohn-Tinte

Blütenblätter mit Essig übergießen und mehrere Stunden in der Sonne ziehen lassen

 

Klatschmohn-Sirup

Etwa 200 Gramm frische Mohnblüten in warmes Wasser geben und ein bis zwei Tage ausziehen lassen. Abfiltern und mit ½ Kilogramm Zucker zu einem Sirup einköcheln. Bei Husten oder Unruhe bis zu dreimal täglich einen Teelöffel einnehmen.

 

 

Der Mohn

Wie dort, gewiegt von Westen,
Des Mohnes Blüte glänzt!
Die Blume, die am besten
Des Traumgotts Schläfe kränzt;
Bald purpurhell, als spiele
Der Abendröte Schein,
Bald weiß und bleich, als fiele
Des Mondes Schimmer ein.

Zur Warnung hört ich sagen,
Dass, der im Mohne schlief,
Hinunter ward getragen
In Träume schwer und tief;
Dem Wachen selbst geblieben
Sei irren Wahnes Spur,
Die Nahen und die Lieben
Hält' er für Schemen nur.

In meiner Tage Morgen,
Da lag auch ich einmal,
Von Blumen ganz verborgen,
In einem schönen Tal.
Sie dufteten so milde!
Da ward, ich fühlt es kaum,
Das Leben mir zum Bilde,
Das Wirkliche zum Traum.

Seitdem ist mir beständig,
Als wär es nur so recht,
Mein Bild der Welt lebendig,
Mein Traum nur wahr und echt;
Die Schatten, die ich sehe,
Sie sind wie Sterne klar.
O Mohn der Dichtung! wehe
Ums Haupt mir immerdar!

Ludwig Uhland

 

Gemälde: Claude Monet „Mohnfeld bei Argenteuil“; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Claude_Monet_037.jpg?uselang=de

Fotos: Alvesgaspar, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Papaver_May_2009-1.jpg?uselang=de; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Mak.jpg?uselang=de