Aus Erich Kästners Vorwort zu seinem Gedichtband „Die dreizehn Monate“:

"...Sie hatten Strauch und Baum und Wiese aus den Mauern gejagt. Hinaus zu den Friedhöfen und Zoologischen Gärten ... Die Brauereipferde werden von den Kindern angestaunt wie galvanisierte Saurier. Sitzt ein Vogel irgendwo, ist's ein entflogener Wellensittich. Der Balkon blieb ein rührender, fünf Quadratmeter großer Versuch. Ein Versuch, etwas Himmel überm Kopf zu haben. Doch was hat man überm Kopf? Einen Balkon. Was hat man, außer dem Geranientopf, vor Augen? Fenster, Drähte, Mauern und, im besten Falle Geranientöpfe und Balkons. Die Natur kann sonntags vor der Stadt besichtigt werden, samt dem Friedhof und dem Zoo. Sie wurde ein Museum ohne Dach. Es fehlt nur noch, dass man dem Hahnenfuß, der Esche und dem Hänfling kleine Nummernschilder umhängt. [...]
Sollten die Philosophen recht haben? Verläuft unser Weg, der Weg quer durch die Zeit, im Spannungsfelde der zwei Großmächte Natur und Geschichte? Dann hat der Großstädter den Weg des Menschen längst verlassen. Dann ist er der jüngere Bruder des geschichtslosen Zweibeiners auf dem Atoll in der Südsee. Dann ist er der naturlose, der denaturierte Wilde. Dann ist er ein motorisiertes Eisenfeilspänchen, das, blind und in beiderlei Wortverstande "rasend", dem Magnetberg der Geschichte entgegenjagt.
[...] man kann die Besinnung verlieren, aber man muss sie wiederfinden. Man müsste wieder spüren: Die Zeit vergeht, und sie dauert, und beides geschieht im gleichen Atemzug. Der Flieder verwelkt, um zu blühen. Und er blüht, weil er welken wird. Der Sinn der Jahreszeiten übertrifft den Sinn der Jahrhunderte.
Die zweite Austreibung aus dem Paradies hat stattgefunden. Und Adam und Eva haben es diesmal nicht bemerkt. Sie leben auf der Erde, als lebten sie darunter. Ausflüchte sind keine Auswege..."

 

 

Erich Kästner

Der Dreizehnte Monat

 

Wie säh er aus, wenn er sich wünschen ließe?
Schaltmonat wär? Vielleicht Elfember hieße?
Wem zwölf genügen, dem ist nicht zu helfen.
Wie säh er aus, der dreizehnte von zwölfen?

Der Frühling müsste blühn in holden Dolden.
Jasmin und Rosen hätten Sommerfest.
Und Äpfel hingen, mürb und rot und golden,
im Herbstgeäst.

Die Tannen träten unter weißbeschneiten
Kroatenmützen aus dem Birkenhain
und kauften auf dem Markt der Jahreszeiten
Maiglöckchen ein.

Adam und Eva lägen in der Wiese.
und liebten sich in ihrem Veilchenbett,
als ob sie niemand aus dem Paradiese
vertrieben hätt.

Das Korn wär gelb. Und blau wären die Trauben.
Wir träumten, und die Erde wär der Traum.
Dreizehnter Monat, lass uns an dich glauben!
Die Zeit hat Raum!

Verzeih, dass wir so kühn sind, dich zu schildern.
Der Schleier weht. Dein Antlitz bleibt verhüllt.
Man macht, wir wissen's, aus zwölf alten Bildern
kein neues Bild.

Drum schaff dich selbst! Aus unerhörten Tönen!
Aus Farben, die kein Regenbogen zeigt!
Plündre den Schatz des ungeschehen Schönen!
Du schweigst? Er schweigt.

Es tickt die Zeit. Das Jahr dreht sich im Kreise.
Und werden kann nur, was schon immer war.
Geduld, mein Herz. Im Kreise geht die Reise.
Und dem Dezember folgt der Januar.

 

 

Bilder:
"Die vier Jahreszeiten" von Guiseppe Acrimboldo; Quelle: http://commons.wikimedia.org/wiki/Category:Arcimboldo
Kreuzstichpackung "Wreath of all Seasons"
von Dimensons