Christian Morgenstern
Vorfrühling

Die blätterlosen Pappeln stehn so fein,
so schlank, so herb am abendfahlen Zelt.
Die Amseln jubeln wild und bergquellrein,
und wunderlich in Ahnung ruht die Welt.

Gespenstische Gewölke, schwer und feucht,
zerschatten den noch ungesternten Raum
und Übergraun, im sinkenden Geleucht.
Gebirg und Grund, ein krauser, trunkner Traum.

 

 

Wie Soldaten stehen die Pappeln entlang alter Alleen. Viele von diesen schnell wachsenden Bäumen ließ Napoléon Bonaparte an den Heeresstraßen pflanzen, damit seine Armeen sich im Winter besser orientieren konnten und im Sommer im Schatten schneller voran kamen.
Dabei sind Pappeln im Kern - im Holz - ganz weich und ursprünglich in sanften Auwäldern entlang von Flüssen und in warmen leicht feuchten Tieflagen beheimatet. Ihre "Früchte" sind sogar so weich wie Wolle: Aus den weiblichen Blütenkätzchen werden nach der Bestäubung durch die männlichen Blüten anderer Bäume Fruchtkapseln. Ende Mai/Anfang Juni trägt der Wind die weiße Samenwolle weit ins Land. Damit füllte man früher Kissen und Decken. In den USA und Kanada heißen Pappeln daher Cottonwood-Tree (Baumwoll-Baum). Unsoldatisch ist auch das sprichwörtliche Zittern des Espenlaubs – also der Zitterpappel - beim geringsten Hauch. Diesem wohl jedem bekannten Rauschen verdankt die Pappel auch ihren Namen: "Populus", "Plappern des Volkes"; die griechische Bezeichnung "paipallomai" bedeutet "zittern/ zappeln/ plappern". Dies war nicht abwertend gemeint, standen doch Pappeln in den Heiligen Hainen der Griechen und sogar Zeus soll unter einer solchen geboren worden sein. Sie ragen hoch in den Götterhimmel und ihre Wurzeln reichten bis in die Unterwelt der Hektate. In der Silber- bzw. Weißpappel und der Schwarzpappel sah man die beiden Seiten unseres Sein.

Auch wenn es auf den ersten Blick kaum zu glauben ist: Pappeln gehören zur Familie der Weidengewächse, mit der man doch eher bis zum Boden hängende Zweige assoziiert. Wie Weiden enthalten sie Salicylsäureverbindungen - dem Aspirin ähnliche Stoffe - die schmerzstillend, fiebersenkend und entzündungshemmend wirken. 
Dioskurides beschrieb um 60 u.Z. die Anwendung des Saftes der Blätter gegen Ohrenschmerzen; der in Essig getränkten Blättern, als Auflage bei Gichtschmerzen und der Pappelrinde gegen Harnzwang. Die moderne Forschung hat 
den enthaltenen Zink-Lignanen eine günstige Beeinflussung bei Störungen der Harnblasenentleerung infolge einer Prostatavergrößerung bestätigt. Teezubereitung mit Pappelknospen können nicht nur bei Blasenleiden und Erkrankungen der Prostata helfen, sondern durch die Verbesserung der Hanrsäureausscheidung auch bei Rheuma und Gicht.
Die nordamerikanischen Indianer stellten aus Blättern, Rinde und Knospen der Zitterpappel ein bitteres Tonikum her, um damit die Harnausscheidung und Leberfunktion zu verbessern sowie Erregungs- und Angstzustände zu behandeln. Auch der englische Arzt Edward Bach setzte Aspen bei Menschen, die aus unerklärlichen Gründen ein Angstgefühl überfällt, ein. Die Indianer nutzten ebenso wie Dioskurides Zubereitungen aus Pappeln gegen Ohrenschmerzen. Die saftreiche Rinde verwendeten sie im Frühjahr nicht nur als Nahrung; sie benutzen diese auch zur Wundversorgung bei Verletzungen, Ekzemen, Geschwüren und Verbrennungen.

Das letztgenannte Anwendungsgebiet war auch das wichtigste in Europa. Schon der griechische Arzt Galenus von Pergamon (um 150 u.Z.) empfahl eine Salbe aus Pappelknospen gegen Entzündungen, wie auch später Hildegard von Bingen (1098 bis 1148) in ihren Schriften erwähnt, dass Pappelrinde bei Hauterkrankungen Linderung bringe. Die Pappelsalbe "Unguentum populeum" zählte zu den beliebtesten volkstümlichen Heilmittel bei Verbrennungen, Hautentzündungen, Gliederschmerzen und Hämorrhoiden. Davon zeugen auch die volkstümlichen Bezeichnungen der Schwarzpappel als "Salbenbaum" und der Silberpappel als "Weißsalber".
 

Pappelknospensalbe

Im zeitigen Frühjahr – Februar, März - die noch geschlossenen Knospen sammeln.
Ca. 100 g davon zerdrücken, mit 250 ml Olivenöl übergießen und an einem warmen Ort zwei Wochen unter gelegentlichem Schütteln ausziehen lassen. Etwa 15 Minuten lang leicht erwärmen, dann abfiltern, das Bienenwachs einschmelzen lassen und abfüllen.

 

Nicht bei Überempfindlichkeit gegen Propolis, Perubalsam und Salicylate anwenden. Gelegentlich können allergische Hautreaktionen auftreten.

 

 

Detlev von Liliencron
Mächtige deutsche Pappel

Vor meinem Fenster steht ein Baum,
Ich sah ihn manche Jahre grünen.
Das Leben steigt, das Leben fällt,
Was kümmert das den alten Hünen.

Im Herbst da taumeln nach und nach
Müde die Blätter von den Zweigen.
Doch schlägt die Drossel, dann erwacht
Der Winterwald aus Schlaf und Schweigen.

Und wieder Herbst. Es stirbt das Laub,
Das noch vor Wochen sommergrüne,
Doch nächstes Jahr, im Ostertraum -
Was raunt der alte finstre Hüne?


 

Bild Pappelallee: Jean-Pol GRANDMONT - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:0_Havr%C3%A9_-_All%C3%A9e_de_peupliers_noirs_du_ch%C3%A2teau_de_Beaulieu.JPG?uselang=de
Bild Pappeln an der Havel bei Phöben: Botaurus - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Havel-Phoeben-26-IV-2007-530.jpg?uselang=de
Illustration: Prof. Dr. Otto Wilhelm Thomé "Flora von Deutschland, Österreich und der Schweiz" 1885, Gera, German. - www.biolib.de