Die Sonnenblume

O Rosen, die mit Ruhme
Ihr prangt in Duft und Licht,
Ich bin die Sonnenblume,
Und ich beneid' euch nicht.

Des Falters flatternd Kosen,
Die Lieder im Gesträuch,
Der Menschen Lob, ihr Rosen,
Wie gerne gönn' ich's euch!

Mir schafft es volle G'nüge,
Vom Himmelstau getränkt
In meines Liebsten Züge
Zu schauen still versenkt.

Zum Sonnenjüngling richte
Das Haupt ich früh und spät
Und nähre mich vom Lichte,
Das sein Gelock umweht.

Mein Auge bleibt dem Hohen
Auch dann noch zugekehrt,
Wenn er mit heil'gen Lohen
Zuletzt mich selbst verzehrt.

O sprecht, wie ließ' erwerben
Sich köstlicher Geschick,
Als so dahinzusterben
Sanft an des Lieblings Blick!

Drum blüht in eurem Ruhme,
Ihr Rosen wonniglich!
Ich bin die Sonnenblume,
Und selig bin auch ich.

Emanuel Geibel

 

 

Noch ein Neophyt – diesmal aber ein geduldeter, ja sogar ein nicht nur in Gärten, sondern auch auf vielen Feldern angebauter. Dabei kann es beim Pflücken auch zu allergischen Hautreizungen kommen. Hoffnung für Ambrosia & Co?

Die "Groß Indianisch Sonnenblum" wurde allerdings beabsichtigt als Zierpflanze 1552 von spanischen Seefahrern aus Amerika nach Europa gebracht. Die "Sonnenkron" wurde seit 2500 v. Chr. in der Region des Mississippi und in Mexiko angebaut. Die Azteken verehrten sie als heilige Pflanze, sie schmiedeten aus purem Gold Nachbildungen für ihre Tempel; Priesterinnen schmückten sich mit den Blüten. Pizarro beschrieb, dass das Volk der Inka die "Goldblume von Peru" als Abbild ihres Gottes verehrten. Daher auch die Namen "Marigold of Peru" oder "Gottesauge".

Mittlerweile wurde sie auf der ganzen Welt verbreitet. In China heißt sie "Xiangrikui", "zur Sonne gewendete Blume", oder "Yizhangju", "3-m-Chrysantheme" (Sie kann aber auch bis zu fünf Meter erreichen). Ihre botanische Bezeichnung "Helianthus annuus", leitet sich von den griechischen Wörtern für "Sonne", "Blume" und "jährlich" - wegen der einjährigen Vegetationsphase - ab.

Sonnenblumen sind bekanntlich Kompasspflanzen. Blätter und Knospen verfolgen den Lauf der Sonne von Ost nach West und kehren sich nachts oder in der Morgendämmerung wieder nach Osten. Der Stamm verhärtet am Ende der Knospenphase die morgendliche Ausrichtung. Blühende Sonnenblumen sind also nicht mehr heliotrop, sondern die meisten "Köpfe" zeigen in Richtung Sonnenaufgang. Die Scheinblüte kann bis zu 60 Zentimeter im Durchmesser groß werden, ein riesiger "Korb" mit oft über 15.000 Einzelblüten, jeder Kern war einst eine. Blühzeit ist von Juli bis September.

Nicht nur schön ist sie, sie ist auch nützlich. Eine große Pflanze kann bei günstigen Lichtverhältnissen pro Tag das in einem Raum von 100 Kubikmetern vorhandene Kohlenstoffdioxid binden. Imker schätzen sie als Bienenweide. Jeder kennt die Kerne als Vogelfutter oder Snack. Schon die Indianer haben die Samen als Nahrung verwendet. Seit dem 17. Jahrhundert nutzte man sie in Europa für Backwaren oder geröstet als Ersatz für Kaffee und Trinkschokolade. Erst im 19. Jahrhundert entdeckte man die Sonnenblume als Ölpflanze. Die Kerne enthalten 35 bis 55 Prozent Fett, viele Proteine, Vitamin E, Lecithin, Carotinoide, Linolsäure sowie Magnesium und Kalzium. Bei sorgfältiger Herstellung ist das Cholesterin senkende Sonnenblumenöl eines der besten fetthaltigen Nahrungsmittel.

Raffiniertes Öl wird für Farben und Lacke, in der Lederbearbeitung und Tuchfabrikation, in Schmieröl, Treibstoffen und Weichmachern verwendet. Aus Sonnenblumenöl wird auch Biodiesel erzeugt. Die Pressrückstände bzw. das entfettete Mehl werden oft als Viehfutter genutzt.

Doch noch mehr Anwendungen wären möglich: Auch die Blätter können als Futter dienen. Die Stängel können zu Papier verarbeitet werden. Das Salpeter haltige Stängelmark lässt sich leicht entzünden und wurde früher gern als Feueranzünder benutzt. In der Tiefebene Ungarns werden aus den Stängeln Flöten hergestellt. Aus den Blüten kann man ein gelbes, natürliches Haarfärbemittel gewinnen. Die noch nicht geöffneten Knospen können wie Artischocken gegessen weden.

Da die Sonnenblume erst im Zuge der Entdeckung der sogenannten „Neuen Welt“ in Europa eingeführt wurde, spielt sie natürlich in sehr alten Kräuterbüchern keine Rolle. Erst Lonicerus erwähnt sie als Aphrodisiakum. Die Indianer verwendeten sie unter anderem bei Insektenstichen , insbesondere Skorpionstichen und Spinnenbissen.

Sonnenblumenöl fördert die Verdauung, hilft gegen hohen Cholesterinspiegel, bei Darmreizungen und bei Verstopfung. Äußerlich wird es traditionell als Wundmittel gebraucht, auch als Körperlotion bei trockener, schorfiger Haut, bei Neurodermitis oder es wird zur Linderung von Gliederschmerzen bei Rheuma eingesetzt.

Aus Sibirien bzw. Rußland soll die entgiftende Ölziehkur (siehe unten) stammen. Überlieferte russische Rezepte empfehlen Blätter und Blüten gegen Brust- und Halskrankheiten. Im Kaukasus verwendeten die Bewohner die Sonnenblume gegen Fieber bei Malaria. Die Blätter wurden mit warmer Milch auf einem Betttuch ausgebreitet, der Patient damit eingewickelt. Die täglich zu wiederholende schweißtreibende Aktion jagte das Fieber aus dem Körper. Auch der Tee bzw. die Tinktur der Blütenblätter wurde als Fiebermittel gegen Malaria verwendet. Ja, die Pflanze selbst erweist sich nützlich, um feuchte, schlammige Böden – der Lebensraum von Malariamücken – auszutrocknen und dabei viel Sauerstoff abzugeben. Teile Holland sind durch Sonnenblumenkulturen erst bewohnbar gemacht worden.

In der chinesischen Medizin werden fast alle Teile der Pflanze verwendet. Die Kerne gegen Karbunkel und Ruhr; die Schalen gegen Ohrgeräusche; die Blätter gegen hohen Blutdruck und Magenbeschwerden; die Blüten gegen Schwindelgefühl, Gesichtsschwellungen, Zahnschmerzen sowie bei der Geburtseinleitung; die Blütenböden gegen Kopfschmerzen, Zahnschmerzen, Menstruationsschmerzen, Mastitis, Bauchschmerzen, Arthritis, Schwellungen und wunde Stellen; das Stängelmark bei Keuchhusten, äußeren Blutungen, gegen Blasensteine, Beschwerden beim Wasserlassen, blutigen trüben Urin; die Wurzeln ebenso bei Beschwerden beim Wasserlassen, aber auch gegen Magenschmerzen, Verstopfung, bei Hernien, traumatischen Verletzungen, Tripper. Sonnenblume hilft gegen Leber-Qi-Stau, aufsteigendes Leberfeuer und Nieren-Yin-Mangel.

In der Homöopathie wird Helianthus als ein Milzmittel benutzt.

 

Ölziehen

An jedem Morgen vor dem Essen einen Tee- bis einen Esslöffel kaltgepresstes Sonnenblumenöl mehrere Minuten im Mund hin und her bewegen, durch die Zähne ziehen, eventuell damit gurgeln. Das Öl bindet Giftstoffe von Zahnbelägen und Mundschleimhaut, gleichzeitig können Wirkstoffe aus dem Öl durch das Zahnfleisch aufgenommen werden. Die weißliche Emulsion ausspucken und gründlich Zähne putzen.

 

Sonnenblumen-Tee

Einen gehäuften Esslöffel getrocknete Sonnenblumenblütenblätter mit ein Viertelliter Wasser überbrühen und fünf Minuten ziehen lassen. Hilft nicht nur gegen Fieber, auch gegen andere Hitzeerscheinungen.

 

Tinktur gegen Fieber

Ob die Tinktur bei Malaria hilft, weiß ich zum Glück nicht aus eigener Erfahrung, doch bei anderen Fiebern kann ich sie nur empfehlen. Sieht fast aus wie Goldbrand und schmeckt viel besser.

Ein Schraubglas zur Hälfte mit Sonnenblumenblütenblättern füllen mit hochprozentigem Alkohol auffüllen, mindestens drei Wochen an einem sonnigen Standort ausziehen lassen, dann abseihen und abfüllen. Bei Bedarf wiederholt fünf bis zehn Tropfen einnehmen bzw. die Haut mit der Tinktur abreiben.

 

 

Die Sonnenblume

Du Blume, die sich hold zur Sonne wendet,
Ich wollte einstens deinem Wesen gleichen,
In mir die Sonnenzukehr fromm erreichen,
Doch etwas sagte mir: Du bist verblendet!

Ich habe alle Blütenkraft verschwendet,
Ich fühlte samend meinen Glanz erbleichen,
Die Luft den Duft von meiner Jugend streifen,
Und heute sind die Lust, die Macht verendet.

Doch seh ich Blumen tief aus sich erstrahlen,
An jedem Morgen sich zur Sonne neigen
Und fast mit Hingebung zum Lichte prahlen.

Ich aber musste rasch hernieder steigen.
Verloren sind ja alle Sehnsuchtsqualen;
Mein Wesen wurde Niemandem zu eigen.

Theodor Däubler

 

Bild: jeffreyw; http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Busy_Busy_Busy_%286030458271%29.jpg?uselang=de