"Wenn du den Mond über dir weißt,
die Sonne in dir spürst,
bist du fähig Sterne vom Himmel zu holen."

Edith Linvers

 

… dabei sind die Sterne schon auf der Erde, liegen zu unseren Füßen! Wir treten darauf und verschrein sie als freches Unkraut, ja Rasenmörder. Fast das ganze Jahr hindurch treibt ein kleines Nelkengewächs Hunderte winzige Blüten – um ein grünes Zentrum jeweils zehn mondhaft weiße Blütenblättchen zu fünf Paaren, dazwischen zarte Staubgefäße. Diese Sternchen liegen auf ihrem grünen Teppich, der mit den fast herzförmig angeordneten Blättchen die Erde mit Lebenskraft überwuchert.
"Die Luft lebt im Grünen und Blühen", schrieb Hildegard von Bingen und kaum eine Pflanze macht dies selbst tief am Boden so deutlich wie die Vogelmiere "Stellaria media". Nahe Verwandte sind die Große Sternmiere "Stellaria holostea" und die Wald-Sternmiere "Stellaria nemorum".

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ihre Stängel kriechen bis zu 40 cm gewunden am Boden entlang – daher auch die Bezeichnung "Mäusedarm" oder "Hühnerdarm". Nicht nur Hühner fressen sie gern, auch andere Vögel. Als ich zum ersten mal die als Unkraut verschrieene Kleine kostete, verstand ich das Augenrollen meiner gefiederten Hausgenossen, wenn sie diese genüsslich verspeisen: Sie schmeckt ähnlich jungem Mais, ihre Blüten ganz nussig. Wächst Vogelmiere in Ihrem Garten ärgern Sie sich nicht: Sie schützt Boden im Sommer vor Austrocknung und im Winter vor direkter Kälteeinwirkung, hält ihn feucht und locker. Betrachten Sie das Jäten einfach als Ernte. Blätter, Blüten, Knospen sind nicht nur schmackhafte Beigaben für Suppen und Salate, sondern auch sehr reich an Flavonoiden, Cumarinen, Oxalsäure und Mineralstoffen. Sie enthält etwa siebenmal mehr Eisen, dreimal so viel Kalium und Magnesium sowie doppelt so viel Calcium wie Kopfsalat; auch Zink, Kieselsäure, Gammalinolensäure, Selen und Vitamine A, der B-Gruppe und C.

Die Vogelmiere ist aber auch eine Heilpflanze. Hieronymus Bock schrieb im 16. Jahrhundert über sie: "Man braucht die diß kraut mit aller substanz und hat davon in den officinis ein distillirtes Wasser, welches innerlich und Eusserlich genützet alle hitz und entzündung löschet... Gedacht Wasser soll eigentlich den jungen Kindern in grosser hitz und schwachheit eingeben werden, dann es leschet nicht allein den Innerlichen Brandt, sonder es verhindert und wehret auch den zufallenden Kranckheiten, Spasmi genandt, oder gegichten. Das Vogelmiere Kraut Safft und Wasser mögen, wie der Burgel und Maurpfeffer, zu allen hitzigen Wunden und Schäden erwählet werden, damit gewäschen, bestrichen oder auffgelegt. Auß dem Safft mag man seine kühle Sälblein machen zu der hitzigen Lebern und andern hitzigen Schäden..."
Im gleichen Jahrhundert empfahl sie ein englischer Botaniker in Essig und Salz gekocht gegen Krätze, bei Husten, Augenentzündung und Verstopfung. Später finden sich nur noch vereinzelt Hinweise für ihre Anwendung bei schwindsüchtigen Fiebern, Krämpfen, Augenentzündung, Hämorrhoiden, Wassersucht, Elephantiasis.
Erst im 19. Jahrhundert entdeckte der Kräuter-Pfarrer Kneipp die Vogelmiere als Heilkraut wieder. Er nutzte sie vor allem als schleimlösendes und beruhigendes Mittel bei Entzündungen der Atemwege.

Dieses den Menschen seit Urzeiten begleitetende unausrottbare "Unkraut", das auch die Chemiekeulen der Gegenwart überlebt, kann uns viel Lebenskraft schenken. Eine Pflanze vermag bis zu 15.000 Samen bilden, pro Jahr können zwei bis fünf Generationen wachsen. Sogar im Winter können aus den Samen, die durch Ameisen und Menschen verbreitet werden, neue Pflanzen entstehen. Auch eine vegetative Vermehrung durch abgerissene Stängelteile, die sich bewurzeln, ist möglich. Bereits unter dem Schnee beginnen die kleinen Sternchen zu blühen. Wenn das nicht von purer Lebenskraft zeugt?! Vogelmiere hilft bei Anämie (Blutarmut) und Schwäche, besonders in Kindheit und Alter.

Die Behaarung der Stängel und Knospen - ein Erkennungszeichen der Vogelmiere - unterstützt die Pflanze bei der Wasserversorgung. Eine Signatur, die andeutet, dass die Vogelmiere bei der Wasser- und Schleimregulierung im menschlichen Körper helfen kann. Die kleinen Härchen erinnern zudem an die Flimmerepitel der Atmungsorgane. In der Naturheilkunde wird die Vogelmiere daher bei Wasserstörungen, Bronchien- und Lungenleiden eingesetzt; da die kleine Weißblühende kühlend wirkt, auch bei Bluthusten wie bei der Tuberkulose. Ihre Saponine legen sich wie ein Schutzfilm über die Schleimhäute und erhöhen die Aufnahmebereitschaft anderer heilender Stoffe. So hilft sie auch der Haut bei Ausschlag, Wunden, Geschwüren und sogar der Hornhaut ihrer natürliche Abwehrkraft und Reinheit wiederzufinden. Ein Hinweis auf die Wirkung bei Verschleimung der Harnorgane (Blasen und Nieren) ist das kleine "Fädchen", das beim Reißen am Stängel zu Tage tritt. Da verminderte Ausscheidung Ablagerungen bewirkt, hilft Vogelmiere auch gegen Rheuma und Gicht.

 

Tee oder Absud

Für einen Tee aus den Blättern kochen Sie diese einfach. Für den Kaltauszug, der bei fiebrigen Zuständen mehr zu empfehlen ist, setzen zwei Teelöffel Vogelmiere mit 200ml lauwarmen Wasser an und lassen diese 8 Stunden stehen. Bei Atemwegsstörungen können Sie Spitzwegerich zugeben. Zur äußeren Behandlung wird Vogelmiere-Absud eventuell mit Schachtelhalm vermischt als Auflage und zur Waschung verwendet.

 

Vogelflügel

Klein gehackte Vogelmiere (eventuell ohne größere Stiele oder die Miere vorher dünsten) mit Feta-Käse mischen und in Blätterteig zu Dreiecken einschlagen, eventuell in Flügelform bringen. Mit etwas Eigelb bestreichen und goldbraun backen.

 

Vogelmieren-Pesto

Ungefähr 100 Gramm geschnittene Vogelmiere mit vier Esslöffel Nuss-, Sesam- oder Sonnenblumenöl und zwei Esslöffel (gerösteter) kleingehackter Mandeln, Nüsse oder Pinienkerne und eventuell einer kleinen Zehe Knoblauch im Mörser zerreiben bzw. mit einem Elektrohäcksler pürieren. Mit Pfeffer und Salz abschmecken. Zu Nudeln, Pellkartoffeln oder als Brotaufstrich.

 

Russisches Vogelmierengetränk

Ein Bund Vogelmiere wird mit 100g Meerrettich im Mixer zerkleinert und anschließend mit zwei Litern Wasser übergossen. Nach 4 Stunden wird abgeseiht und je nach Geschmack mit Honig oder Zucker verfeinert.

 

 

 

Ulla Hahn

Leben beginnt

Im Frühjahr bekränzen wir unsere Stirn
mit der ersten Vogelmiere Pestwurz
Huflattich ganz egal. Hauptsache grün.
In den Vorgärten brechen Küsse durch

ihre winterfeste Verschalung
und die jungen Frauen ziehn aus der Hüfte
Kinderwagen und maln sich die Lippen
Hei ho hol über Sommerjungs Mondmann um

Mitternacht Augen gradaus und ringsum und gehen
über. Verrückt? Aber nicht doch. Leben beginnt
mit Taschenspielertricks. Nur wenn du
das Ganze von hinten liest heißt es Glück.

 

 

Bilder:
Einzelblüte Stellaria media: H. Schön, http://flora.nhm-wien.ac.at/Seiten-Arten/Stellaria-media.htm 
Stellaria neglecta: Fornax, http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Stellaria_neglecta_W.jpg
 
"Deutschlands Flora in Abbildungen" 1796: 1. Hain-Miere, 2. Vogel-Miere; http://www.biolib.de