"Und du Wegerich, Mutter der Pflanzen,
offen nach Osten mächtig im Innern:
Über dich knarrten Wagen, über dich ritten Frauen,
über dich breiteten sich Bräute, über dich schnaubten Stiere;
allen widerstandest du und setztest dich entgegen:
So widerstehe du auch dem Gift und der Ansteckung und dem Übel,
das über das Land dahin fährt."

Nine Herbs Charm, 9./10. Jh.

Der Name "Wegerich" bedeutet so viel wie "Herrscher der Wege", denn auf und an diesen ist sein Reich.

Die ersten Wege der Menschheit waren Kultwege zu Begräbnis- und Ritualstätten. Hier wuchs er. Die Wegerichblüte, die sich weit über den Boden erhebt, zeigt symbolisch die überwundene Dunkelheit und Todesmacht. In der griechischen Mythologie wurde Persephone, die Tochter der Göttin der Fruchtbarkeit, vom Gott der Unterwelt entführt. Hermes, dem Götterboten und Herrn aller Wege, gelang es, sie frei zu bitten. Doch die Braut hatte schon den Samen des Todes gegessen und muss auf immer in jedem Jahr erneut ins Totenreich zurück.
Der Wegerich wurde lange als "Kraut der Proserpina" – so nannten die Römer Persephone - bezeichnet.

Später folgte der Breitwegerich auf Schritt und Tritt auch den Auswanderern in die Neue Welt und wurde daher von den Indianern "White-man's-foot" genannt. Die zahlreichen klebrigen Samen, die natürlich außer "fußläufig" (daher der Gattungsname "Plantago" von lat. "Fußsohle") auch von Vögeln, Tierpfoten, Hufen und Rädern verbreitet werden, und die bis zu 80 cm tief reichende Wurzeln sorgen dafür, dass der so oft überrannte und überrollte "König" immer wieder sein Terrain zurück erobert.
Im Gegensatz dazu ist der Spitz-Wegerich mit seinem "Brautkränzchen" keine Trittpflanze. Er gedeiht allerdings an fast jedem Wegrand.

Wie ein Pflaster liegt der Breitwegrich auf den Wegen und wie ein Pflaster hilft er der Haut und soll er Blutungen stoppen – gerade am Übergang vom Reich des Ungeborenen ins Irdische. Bei manchen ist seine blutstillende, keimhemmende, abschwellende, entzündungs-, schmerz- und juckreizlindernde Wirkung zumindest noch als "Erste Hilfe" bei Insektenstichen, Brennnesselquaddeln oder Blasen an den Füßen bekannt. Einfach ein Spitzwegerichblatt zerreiben und den Saft auftragen. Dieser zieht wie Zauberfäden jede Wunde zusammen und verhindert Fäulnis und Eiterung.

Unbestritten ist die Heilwirkung des Wegerichs bei durchfallähnlichen Darmkrankheiten: Wegerich-Samen und -blätter enthalten  Schleimstoffe, die den Darm schonen und das Gewebe stärken.

Durch seine fasrigen Blätter und die starke Anhaftung an die Erde sehen die Antroposophen im Wegerich das pflanzliche Muskelprinzip der Natur. So wird verständlich, dass die Indianer Bisse, insbesondere Schlangenbisse, mit Spitzwegerichwurzeln begegneten und dass er bei Muskelschwäche helfen sollte. Bei Blasen- und Schließmuskelschwäche wirkt er ebenso wie bei Entzündungen der Harnblase bzw. -wege.

Die silbrig behaarten Wegerichblätter erinnern an die feinen Härchen der Flimmerepithel von Atemwegen, Nebenhöhlen, Bronchien und Ohrtrompeten. Der "Wegekönig" hilft den Körper zu reinigen, wenn dieser verschleimt ist. Spitzwegerich erleichtert besonders Kindern das Abhusten und stärkt die Lunge.

Kein Wunder, dass diese Pflanze zusammen mit dem Salbei und der Raute den mittelalterlichen Ärzten als Allesheiler galt und der Kräuter-Pfarrer Künzle meinte:

"Den Wegerich hat der liebe Gott an alle Wege gestreut, in alle Wiesen und Raine gesetzt, damit wir ihn stets bei der Hand haben, denn er ist unstreitig das erste, beste und häufigste aller Heilkräuter."

 

Sirup gegen Husten

Ungefähr zwei oder drei Hände voll saubere, geschnittene Spitzwegerichblätter schichtweise abwechselnd mit Rohrzucker in ein Glas geben. Mit einer Zuckerschicht enden. Dicht verschlossen an einer dunklen, zimmerwarmen Stelle zwei bis drei Monate stehen lassen. Die Masse erhitzen, so dass noch vorhandene Zuckerkristalle schmelzen, durch ein Tuch oder Sieb geben. Die Flüssigkeit für 10 bis 15 Minuten auf rund 70 Grad erhitzen und in gut schießende Gläser oder Flaschen geben. Bei Bedarfsfall mehrmals täglich einen Teelöffel einnehmen.
Natürlich können Sie Wegerichsirup auch herstellen, indem Sie Blätter in Honig einlegen - für 500 g Honig cirka 50 g Blätter.

 

Friedrich Rückert

Der Wegerich

Ich armes Kraut am Weg,
ich steh' hier ungebeten.
Muss auf mich lassen treten
wer Lust hat,
flink und träg'.

Und bin doch froh fürwahr,
wenn nicht des Gärtners Harke
mich mit des Lebens Marke
reißt aus dem Boden gar.

Wenn dir dein Stand missfällt,
wen hast du zu verklagen?
Warum hast, hör ich sagen,
du dich hierher gestellt?

Ich möchte lieber stehen
im Garten bei der Rose,
um die mit Liebgekose,
die Lüfte schmeichelnd wehn.

Doch wird gepflückt
zuletzt die Ros von ihren Beeten,
und werd ich dann zertreten,
so sind wir gleich geschätzt.