Cicely Mary Barker

Weißdorn

Die dornigen Zweige blühten im Mai,
als die Amseln ihr Frühlingslied sangen.
Da waren sie dicht wie von Zauberei,
mit schneeweißen Blüten behangen.

Kommt jetzt nicht endlich jemand vorbei,
scheint dieser Elf sich zu denken.
Im Herbst ist der Weißdorn wie immer so frei,
und will seine Beeren verschenken.

 

Einer der volkstümlichen Namen für den Weißdorn lautet "Heinzelmännerchen". Viele kleine rotmützige hilfsbereite Zwergenwesen hängen im Spätsommer in den Hecken.

"Was der Hafer für das Pferd, ist der Weißdorn für das Herz. Um ein Pferd in Bewegung zu versetzen, habe ich zwei Möglichkeiten: die Peitsche oder den Hafer. Sie können das Herz jagen und schinden und so die letzten Kräfte mobilisieren, oder Sie können ihm Aufbaunahrung geben, so dass es noch lange schlägt. Unter den Heilpflanzen ist der giftige Fingerhut die Peitsche und der Weißdorn das Futter... Begießen Sie Ihr Herz mit Weißdorntee, so wie Sie eine Pflanze gießen, um sie zu neuem Wachstum anzuregen", rät der Schweizer Naturheilarzt Jürg Reinhard.

Die blutroten Weißdornbeeren helfen seines Erachtens dem ausgehungerten Herz am meisten, besonders nach Kräfte zehrender Digitalistherapie oder bei Gewebeschädigung durch einen Herzinfarkt, auch wenn das Deutsche Arzneimittelbuch den Wirkstoffgehalt der Blätter viel höher einschätzt. Doch was Wirkstoffe sind, ist eine Frage des Stands der Forschung. Unzweifelhaft ist jedoch, dass das Fruchtfleisch die Aufgabe hat, den Samen bzw. das keimende Leben zu ernähren. 
Die blühenden Weißdorntriebe beseelen wie der Frühling das Herz, vermitteln ihm neue Triebkräfte und lindern Herzkrämpfe. Die potenzierten zerstoßenen, steinharten Samen werden von den Anthroposophen bei Herzerschlaffung empfohlen.
Die Blätter, die Atmungsorgane der Pflanze, deren Form das Wechselspiel zwischen gestauter Kraft und Entladung im Kleinen anzeigen, können besonders bei Herzrhythmusstörungen helfen und die Zellatmung anregen. Überhaupt verweist die Signatur der Weißdornbüsche auf die Polarität von Verdichtung - erkennbar in der Härte des Holzes, das einst oft für Werkzeuge benutzt wurde; in der Dornenbildung; dem enormen potentiellen Alter von bis zu 600 Jahren - und dem Gegenprinzip Ausdehnung - deutlich in der Überfülle der Blüten und Früchte
. Diese zum Schönen vereinte Spannung hat er mit den meisten Rosengewächsen gemeinsam, die fast alle eine harmonisierende und damit stärkende Wirkung haben.

Doch obwohl Dioskurides den Weißdorn bereits im 1. Jahrhundert nach Christi als Heilpflanze beschrieb, wurde er erst um 1850 - also in Zeiten zunehmender Industrialisierung, in denen der natürliche Rhythmus mehr und mehr vom künstlichen verdrängt wurde - vom irischen Homöopathen  Green als Herzmittel entdeckt. Im Mittelalter verwendete man die Steinkerne gegen Nieren- und Gallensteine; die Früchte gegen starke Monatsblutung und Durchfall. Auch Indianer und Chinesen verwenden die "Crataegus"-Arten vor allem als Magen-Darm-Mittel.

Zudem wurden die "Mehlfässchen" oder "Hagäpfli" als Zusatz in Fruchtmus oder Mehl benutzt. Rinde und Wurzeln dienten zum Gelbfärben von Stoffen. Der "Heckendorn" oder "Hagedorn" trennte die Felder und Weiden voneinander, bot Mensch und Tier in der Mittagshitze Schatten.

Sogar der große Zauberer Merlin soll unter diesem den Kelten heiligen Strauch von seiner Liebe träumend ruhn, seit er eben dieser - der schönen an Liebeskummer leidenden Fee Viviane - verraten hatte, wie eine Frau einen Mann ohne Mauern und Ketten zu fesseln vermag.
"Hagewiepkes"-Zweige wurden früher an die Türen gesteckt, um vor Hexerei zu bewahren. Saßen ja die Hexen angeblich auf und in den Hecken. 
Die Slawen sahen in dornigen Weißdornpfählen einen Schutz vor Wiedergängern und Vampiren.
Die Bezeichnung "Christdorn" verweist auch auf christliche Legenden. So soll 30 Jahre nach Jesus' Tod Josef von Arimathäa Glastonbury besucht haben und einen Stab in den Boden gerammt haben. Dieser trieb aus und wuchs zu einem zweiten "Heiligen Dornbusch" heran. Jener Weißdorn blüht angeblich nicht nur im Frühjahr, sondern auch ein zweites Mal zur Weihnachtszeit. William Blake inspirierte diese Geschichte zu seinem Gedicht "Jerusalem" und dieser wiederum wahrscheinlich Ludwig Uhland, der ebenfalls die verjüngende, Seelen heilende Kraft der uralten Dornbüsche in einem Gedicht anklingen lässt.

 

 

Weißdorn-Tee

Überbrühen Sie 2 Teelöffel getrocknete Blüten oder Blätter - bei frischen ca. 2 Esslöffel - pro Tasse mit heißem Wasser und lassen Sie den Tee 15 bis 20 Minuten ziehen. Die Beeren oder die Beeren-Blätter-Mischung  können Sie eventuell zunächst mit warmem Wasser übergossen 12 Stunden lang einweichen, kurz aufkochen und dann 5 Minuten ziehen lassen.
Weißdorn-Tee kann man wegen seine harmonisierenden Wirkung selbst bei 2 bis 3 Tassen pro Tag unbedenklich über lange Zeit trinken.

 

Weißdorn-Tinktur

 

Ein Schraubglas zur Hälfte mit frischen Weißdornbeeren und -blättern füllen und mit Korn oder Doppelkorn übergießen. 3 bis 4 Wochen ausziehen lassen. Genießen Sie den Anblick am ersten Tag besonders, denn leider entfärben sich die Beeren schnell.
Wenn Sie die Tinktur im Frühjahr noch nicht abgefüllt haben, können Sie gleich blühende Triebe mit den ersten Blättchen zufügen oder Sie stellen daraus eine gesonderte Tinktur her.
Je nach Bedarf 2 bis 3 mal täglich 5 bis 10 Tropfen.

 

Weißdorn hilft dem Herz wieder seinen Rhythmus zu finden, er sorgt dafür, dass die Herzkranzgefäße besser durchblutet werden, er schenkt ihm wieder mehr Energie. So ist er besonders Älteren oder Menschen mit viel Stress zu empfehlen. Er kann leicht erhöhten Blutdruck auf das normale Maß bringen, aber auch bei zu niedrigem regulieren. So hilft er auch oft bei Kreislaufstörungen. Wenn Sie Einschlafstörungen haben, könnte ein Herzproblem die Ursache sein, so ist ein sanftes Herzmittel oft ein besseres Schlafmittel als eine betäubende chemische Keule. Weißdorn entlastet bei bei nervöser Anspannung, Ängsten und - wie Merlin riet - sogar bei Liebes-Herz-Schmerz.

 

Ludwig Uhland

Graf Eberhards Weißdorn

Graf Eberhard im Bart
Vom Württemberger Land,
Er kam auf frommer Fahrt
Zu Palästinas Strand.

Daselbst er einstmals ritt
Durch einen frischen Wald;
Ein grünes Reis er schnitt
Von einem Weißdorn bald.

Er steckt' es mit Bedacht
Auf seinen Eisenhut;
Er trug es in der Schlacht
Und über Meeres Flut.

Und als er war daheim,
Er's in die Erde steckt,
Wo bald manch neuen Keim
Der neue Frühling weckt.

Der Graf, getreu und gut,
Besucht' es jedes Jahr,
Erfreute dran den Mut,
Wie es gewachsen war.

Der Herr war alt und laß,
das Reislein war ein Baum,
Darunter oftmals saß
Der Greis im tiefsten Traum.

Die Wölbung, hoch und breit,
Mit sanftem Rauschen mahnt
Ihn an die alte Zeit
Und an das ferne Land!

 

Illustration: Barker, Cicely Mary: The Colmplete Book of the Flower-Fairies. Penguin Books. London. 2002.

Gemäldeausschnitt von Edward Burne-Jones "Die Verführung Merlins": https://commons.wikimedia.org/wiki/File:The_Beguiling_of_Merlin_by_Edward_Burne-Jones.jpg